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Weihnachten! (Wein-achten!)

Weihnachten!

(2001 / Überarbeitung 2011)

Na Klasse. Da war es also wieder! Weihnachten! Niemand hat gefragt, ob das so sein muss, viele hatten es befürchtet und nun passierte es also tatsächlich schon wieder.

Die eine Hälfte der Feierer verfiel in die Euphorie des Backens, Geschenke Kaufens und dem nahezu krankhaften Zwang extrem nett zu den Mitmenschen sein zu müssen, in der vergeblichen Hoffnung, damit alle Schnitzer des abgelaufenen Jahrgangs wieder wett machen zu können.

Die andere Hälfte, der zwanghaft in diese Zuckergussarie hineinexpedierten Menschenmasse, bekam beim Anblick von weißen Rauschebärten weniger ein leuchtendes Feuer in den Augen, als vielmehr wieder mal ein nervöses Zucken in den Feuerzeugfingern. Sie waren angenervt beim Herüberwehen kinderchorinzinierter Weihnachtstöne und hofften, dass alles möglichst schnell vorüber wäre.

Wahre Freude käme bei ihnen eigentlich erst auf, wenn der Kaufhaus-Klaus frontal vom Linienbus erwischt worden wäre, was ihnen vielleicht sogar mal ein zynisches „Hoo-Hoo“ entlockt hätte.

Was aber war mit dieser Zeit anzufangen, hin- und hergerissen zwischen Weihnachtslust und -frust? Ließ man sich einlullen, gab man sich der Gefahr preis, man glaubte wirklich noch an Weihnachtsmann und Osterhase und sei irgendwie gefangen in einer nicht wirklich realen Welt! Verweigerte man die Teilnahme, sah das aus wie Spaßverweigerung an einer staatlich und kirchlich genehmigten Ausschweifung! Wie verhielt man sich also richtig? Konnte man sich überhaupt richtig oder falsch verhalten?

Wenn sich die allein lebende Unbekannte aus dem siebten Stock, bar familiärer Anbindung und Beziehung, sich himmelhoch jauchzend zu Tode stürzte, könnte sie damit Familie Meier im Parterre sicher das Fest verderben, da sie plötzlich verdreht in der weihnachtlichen Außenbeleuchtung hinge.

Wenn der vom Kaufhaus angemietete Weihnachtsmann die Kinderchen tätschelte und nach ihren Wünschen fragte, mochte das innerhalb der rotweißen Brutzeit sicherlich in Ordnung sein, aber wenn er das auch in der restlichen Zeit im Jahr machen würde, wäre das sicher sehr verdächtig.

Aber nein, das tat er nicht. Zumindest hätte man ihn im Hochsommer nicht mit diesem Weihnachtsmann in Verbindung gebracht. Und ein guter Weihnachtsmann beschenkt keine Kinder im Sommer mit Süßigkeiten. Kinder, die das nicht beherzigen, leben gefährlich.

Was aber nicht heißen soll, dass man zum Weihnachtsmann ins Auto steigen darf, nur weil Weihnachten ist und er seine Geschenke angeblich noch aus selbigen holen müsste.

Aber so einer war dieser Klaus nicht. Dieser Klaus meinte es wirklich ehrlich mit dem Weihnachtsgruß und seiner Liebe zu den Kleinen. Er nahm seinen Job mit dem Kinderkopfstreicheln sehr ernst.

Dieser Weihnachtsmann tätschelte allerdings nicht nur die Kinder, sondern bevorzugt auch die Mütter, wenn sie seiner Idealvorstellung von Frau entsprachen, unzensiert, unantastbar, beinahe schon mit bodenloser Narrenfreiheit. Und letztendlich bekam er ja auch noch acht Euro die Stunde bezahlt für diesen netten Service. Nun ja, wie gesagt, er hatte „beinahe“ bodenlose Narrenfreiheit!

Nach einem Riesenknall fand man ihn mit Veilchen in der Dekoration liegend und die wütende Mutter zog ihr Kind von dem Kaufhaus weg. Die Filialleitung war nicht sonderlich begeistert von der freizügigen Arbeitseinstellung und verzichtete fortan auf die Mitarbeit dieses Weihnachtsmannes.

Am nächsten Tag wurde sein Job von einem mechanischen Weihnachtsmann übernommen in den die Eltern ein 50 Centstück einwerfen mussten, damit der Klausi anfing „HooHoo“ zu sagen und den Kindern mit der Plastikhand emotionslos durchs Haar zu streichen.

„Wassss??…“ – (rassel rassel) der Arm wurde bewegt –
„wünscht du …“ (rassel schepper) der Körper beugte sich vor –
„dirrr denn, meinnn …“

In diesem Moment stoppte die Animatronik und die Eltern wurden aufgefordert, auf dem abseits aufgestellten Terminal „Mädchen“ oder „Junge“ auszuwählen. Erst kurz darauf fing der Klaus wieder an sich zu bewegen und sein Programm fortzuführen.

(Rassel) „…Mädchennn?“

Das leicht verstörte Kind antwortete ungläubig, den Blick immer wieder zu den Eltern wendend. „Das sollte der Weihnachtsmann sein? Wirklich?“ Die Eltern hingegen lächelten einander Weihnachtsblind zu, froh dem Kinde den Glauben an den amerikanischen Konsumgott für nur 50 Cent erkauft zu haben.

Am darauffolgenden Tag kam ein gerade arbeitslos gewordener, vom Glühwein beeinträchtigter Mann mit lila Schimmer ums Auge in die kaufhäusliche Weihnachtsdeko, steckte 50 Cent in den Schlitz (versuchte es zumindest) und verprügelte die Animatronik.

Auf dem Eingabedisplay blinkte die Eingabeaufforderung „(M)ädchen/(J)unge?“, während der Angetrunkene neben den Resten des Klausis saß und mit sich und seiner Tat zufrieden ein Weihnachtsliedchen vor sich hin summte.

Erschreckte Eltern hielten ihren Kindern die Augen zu und eilten sich, schnell vom Ort fort zu kommen. Der Mann unterbrach sein Liedchen derweil nur zeitweise, um dem zerknautschten aber unablässig gutmütig drein lächelnden Gesicht des Mechano-Weihnachtsmannes neue Beulen zu verpassen.

Der betörende Nachduft von zwei vornächtlichen Flaschen Wein ließ an diesem Vormittag einfach nicht von der Frau aus dem siebten Stock ab. Hoffte sie nach jeder Straßenecke, den Duft endlich abgehängt zu haben, kräuselten sich die Nasen der Passanten und zeigten ihr das hoffnungslose Unterfangen. Hektisch und nervös schlich sie zwischen den Weihnachtskranken hindurch und hielt die Tränen nur schwer zurück.

„Allein! Wieder einmal!“, verfolgte sie ihr Gedanke. Sie war auf der Flucht, der Flucht vor Weihnachten, der Flucht vor all den Verrückten, den einander wärmenden und dümmlich einander Anlächelnden. Kurz, sie versuchte vergeblich, Weihnachten zu entkommen und Weihnachten versuchte ihr Unterfangen zu ignorieren. Da stolperte sie plötzlich und tauchte endgültig in der Masse der Kaufberauschten unter, ohne weitere sichtbare gesamtbildstörende Spuren zu hinterlassen.

Als sie eine halbe Stunde später um eine Häuserecke verschwand, trug sie die Überreste des mechanischen Plastikklauses unter dem Mantel versteckt. Der Weinduft wurde von einem erkalteten Glühweinduft verfolgt, welcher schließlich Richtung des Hochhauses führte, in dem sie wohnte.

Familie Meier war gerade damit beschäftigt, die Außenbeleuchtung in die große Gartentanne zu hängen und den gemeinsamen Hauseingang zu verweihnachtlichen. Schnell den Weihnachtsmann mit dem Mantel verdeckend und ein gequältes Lächeln aufsetzend, zog die Frau an ihren Nachbarn vorbei.

Herr Meier konnte sich gar nicht daran erinnern, den Glühweintrinker als Nachbarn zu haben, als dieser ebenfalls vergebens lächelnd bemüht und ein wenig schlingernd meterweit hinter der Frau her tigerte. Der Glühweintrinker blieb stehen und betrachtete unangenehm lange das Gesicht von Herrn Meier, dessen von der Kälte gerötete Nase und auch der lange grauweiße Bart ihn an irgendwen erinnerte.

Als ihm endlich einfiel wo er das Gesicht unterzubringen hatte, schaukelte er schwankenden aber bestimmten Schrittes auf Herrn Meier zu, die Hand im Mantel zur Faust geballt. Doch ehe er Herrn Meier die Geballte präsentieren konnte ertönte ein Pfiff aus dem Hauseingang. Wie so oft auf dem Weg hierher musste die Frau aus dem siebten Stock den lädierten Weihnachtsmann herausholen und ihn dem Glühweintrinker zeigen. Dieser wechselte daraufhin die angesteuerte Richtung und schlich wieder auf die Frau zu. So verschwand die Frau mit dem Kopf und dem Glühweintrinker im Hausflur und schließlich im Fahrstuhl. Herr Meier schaute dem seltsamen Gespann noch einen Moment lang kopfschüttelnd nach.

Es war für Familie Meier insgesamt ein recht ereignisloses Weihnachtsfest. Die Familie knabberte die leckeren selbst gebackenen Plätzchen, Gedichte wurden vorgetragen und die DVD mit den schönsten Disney-Spielfilmausschnitten wurde doppelt geschenkt.

Für die Stockwerke ober- und unterhalb des Siebten wurde es ein etwas unruhiges Fest, denn es landete glücklicherweise keine Frau im Garten der Meiers. Diese feierte stattdessen ein etwas anderes Weihnachtsfest bei dem so manche Eltern ihren Kindern auch die Augen zuhalten würden, wenn sie nur die Hände von den Ohren nehmen dürften!

In diesem Sinne! Frohes Fest!

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Geschichten Geschriebenes

Der Kaufhaus-Claus

Ich habe nie viel von den Festen, wie Weihnachten und Ostern gehalten. Diese Feste sind nur Kaufhausorgien, um sich gegenseitig, auf Krampf, etwas schenken zu müssen. Ich machte meiner Familie auch nichts vor. Sie bekamen nur dann etwas von mir, wenn sie es auch wirklich brauchten. Ich habe meinen Kindern immer wieder eingebläut, daß es so etwas wie den Weihnachtsmann, nicht gibt. Ich wollte nicht, daß sie an so einen amerikanischen Konsumgott glauben.

Als wir letztes Jahr zur Weihnachtszeit durch die Einkaufszone schlenderten, waren die Kinder auf einmal verschwunden. Ich suchte mit meiner Frau die ganze Passage noch einmal ab. Wir fanden sie dann vor dem großen Kaufhaus, bei einem dieser ´Weihnachtsmänner´. Tanja saß gerade bei ihm auf dem Schoß und unterhielt sich mit ihm über ihre Wünsche. Ich wurde etwas wütend darüber, daß meine Erziehungsmaßnahmen so wenig beherzigt wurden. Ich wollte meine Tochter zu mir rufen, aber meine Frau hielt mich zurück.

Als dann Tanja den Kauhaus-Angestellten verließ, setzte sich Werner zu ihm. Da konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich ging auf Werner zu, nahm ihn vom Schoß des Mannes und schrie ihn, sehr überregt, an. Der Weihnachtsmann schaute etwas verstört und schüttelte den Kopf ebenso, wie einige der anderen Passanten, die um ihn geschaart waren.

Als wir am Heiligabend gemütlich vor dem Fernseher saßen, klopfte es an der Wohnungstür. Ich wunderte mich etwas darüber, weshalb der Besucher nicht die Türklingel benutzte. Dann stand meine Frau auf, um zu öffnen.

Ins Wohnzimmer trat der Weihnachtsmann, auf dem Rücken einen schweren Sack tragend. Ich nahm die Füße vom Tisch, stellte mein Bier ab und schaute ihn an. Er lachte tief und rief die Kinder zu sich. Er hatte für sie alle etwas in seinem Sack. Meine Kinder freuten sich riesig, und ich begann, mich zu fragen, ob ich wirklich das Recht hätte, den Kindern ihre Illusionen und Träume zu zerstören. Hatte ich als Kind nicht auch Spaß an Weihnachten?

Als die Kinder, mit ihren neuen Spielsachen, in ihren Zimmern verschwunden waren, faßte der Weihnachtsmann noch einmal in seinen Sack. Er holte eine Rute hervor und legte sie mir neben mein Bier. Er setzte sich zu mir und nahm seinen Bart ab. Jetzt erkannte ich unseren Nachbarn. Er war also der Weihnachtsmann im Kaufhaus. Er hatte seinen ganzen Verdienst in diese Geschenke gesteckt, nur um meinen Kindern eine Freude zu machen. Jetzt schämte ich mich doch.

Dieses Jahr wird es Weihnachten geben, mit allem was dazu gehört. Wir werden einen Baum kaufen und ihn gemeinsam schmücken; Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreiben lassen und bunte Bescherung machen. Unser Nachbar wollte wieder als Weihnachtsmann verkleidet zu uns kommen, aber ich sagte ihm, er solle es lassen.

Dieses Jahr will ich es selbst als Weihnachtsmann probieren.Und dann werde ich meine Nachbarn besuchen.

E N D E

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Gedichte Geschriebenes

Max und das Feuer

 Wer freute sich, fast schon wie ein Kinde,
wenn unterm Christbaum er das Falsche finde.

 Der Max, der war’s mit einer Miene,
die nichts Arges zu verbergen schiene.

 Der Christbaum brennt nun lichterloh,
schaut Mäxchen erst richtig dreißt und froh.

 Der Zündelkasten, der straft ihn Lügen,
Zeit ist’s, Prügel er sollt kriegen.

 Doch Weihnacht ist’s, das Fest der Liebe,
erspart doch heute ihm die Hiebe.

 Hat seinen Frevel er doch auch erkannt,
als er seine Finger hat mit angebrannt.

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Geschichten Geschriebenes

Die Christbaumaffäre

Herr Pfein war stolzer Vater zweier Söhne und einer Tochter im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Seine Frau Helga war zwar nicht mehr die Schönheit, die er vor 20 Jahren geheiratet hat, aber sie war eine gute Mutter und konnte auch vorzüglich kochen.

Weihnachten steht stand wieder mal vor der Tür und Vater Pfein überlegte, ob er wirklich wieder einen Baum besorgen solle. Früher freuten sich die Kinder, wenn sie den Baum schmücken durften. Voriges Jahr durfte er es dann selbst machen. Nicht einmal der Jüngste hatte Intresse daran, Vater zu helfen. Und nach dem Fest wollte den Baum auch keiner mit abbauen. Vater weigerte sich, rein aus Trotz, es selbst zu tun und lies ihn stehen. Dies geschah mit dem Ergebnis, daß der Baum noch bis Mitte Februar im Wohnzimmer stand. Dann baute er ihn doch selbst ab, damit seine Schwiegermutter nicht wieder über ihn und sein Baumgerippe lästert. Die hat nämlich gehörig Haare auf den Zähnen.

Dieses Jahr, so beschloß er, wird es also keinen Baum geben. Und diesen Beschlu_ war er auch bereit umzusetzen. Auf den Hinweis seiner Frau, daß es an der Zeit wõre, einen Baum zu besorgen, stand er vom Frühstückstisch auf, brabbelte etwas vollkommen unverständliches in seinen Bart und ging in seinen Werkkeller. Mutter war nicht dumm, und sie erinnerte sich auch noch sehr gut an das letzte Jahr; als sie ihren Mann ständig fluchen hörte, weil er wieder in die Zweige gegriffen hatte. Rumpelstilzchen wõre dagegen ein Witz gewesen.

Als sie Vater abends noch einmal auf das Thema brachte, entgegnete dieser nur, daß die Kinder schon zu alt für einen Baum seien. Außerdem mache so ein Baum nichts als Arbeit und Dreck. Die Kinder haben dies natürlich auch gehört und schauten einander an. Wie kann man denn Weihnachten ohne einen schönen geschmückten Weihnachtsbaum feiern, fragten sie sich. So etwas gehe doch gar nicht.

Doch Vater blieb hart. Am nächsten Morgen übertönte das Schweigen am Frühstückstisch fast schon das Radio. Alle machten betretene Gesichter, selbst Vater wurde von der allgemeinen Stimmung überrollt und lies die Wangen hängen. Aber er müsse standhaft bleiben, dachte er. Er gab Mutter den üblichen Abschiedskuß und machte sich auf den Weg zur Fabrik.

Dann nahm die Tochter ihre Autoschlüssel und drängte ihren kleineren Bruder dazu, schneller zu essen, damit sie nicht zu spät zur Arbeit erscheine. Der ältere Sohn hatte eine Mofa und konnte damit selbst zur Lehrstelle fahren. Der Jüngere ging noch zur Schule. Mutter wollte den Vormittag nutzen, um ein paar Einkäufe in der Stadt zu erledigen.

Als sie so durch die Einkaufszone schlenderte, hörte sie immer wieder den Marktschreier mit seinen Bäumen. Sie überlegte lange hin und her, bis sie sich schließlich dazu entschloß, auf eigenes Risiko einen Baum zu kaufen. Sie einigte sich mit dem Verkäufer auf eine Anlieferung im Laufe des Nachmittages. Sie kaufte dann noch ein paar Geschenke und machte sich wieder auf den Weg nach Haus, um das Mittagessen vorzubereiten.

Sie war gerade dabei die Soße abzuschmecken, als sie hörte, wie ihr Jüngster heimkam. Er kam nicht allein, sondern mit zwei Freunden. Die halfen ihm dabei, den Baum, den er von seinen Ersparnissen gekauft hatte, durch die Eingangstür zu stemmen. Als Mutter den Baum sah, konnte sie sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Nun hatten sie also schon zwei Bäume.

Gute zwei Stunden später hörte Mutter, wie draußen irgend etwas mit lautem Scheppern auf den Radweg fiel. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie ihren Ältesten, wie er sich gerade den Schnee von der Kleidung klopfte. Er hob dann seine Mofa vom Weg hoch und öffnete die Gartenpforte. Als er seine Mofa durch die Einfahrt schob, sah sie auf den Schlitten der unsachgemäß befestigt, von der Mofa gezogen wurde. Da war er also, Baum Nummer drei.

Mutter wunderte sich schon gar nicht mehr, als der Freund ihrer Tochter auch noch mit einem Baum vor der Tür stand. Sie schaute nur etwas benommen auf den Zimmerwald, als sie ihrer Tochter noch etwas Geld gab, um genügend Tannenbaumschmuck nachzukaufen.

Das Gesicht des Baumverkäufers wäre wahrhaftig ein Foto wert gewesen, als er Mutters Baum lieferte. Dann fragte er Mutter, ob an dem An- und Verkaufsgeschäft von Weihnachtsbaümen wirklich etwas zu verdienen sei und ging kopfschüttelnd aus dem Haus.

Als Vater schließlich zum Abendbrot heimkam, rief er seine Familie noch von der Haustür aus zusammen. Er verkündete mit geschwollener Brust, daß Weihnachten ohne Baum keine Weihnachten sei. Und dann drehte er sich zur Haustür raus, um seinen Weihnachtsbaum stolz ins Haus zu heben. Doch als er sich wieder seiner Familie zuwendete, verstand er die Welt nicht mehr. Mutter lachte so sehr, daß ihr die Augen feucht wurden. Der Jüngste schien vor Lachen keine Luft mehr zu kriegen und auch der Rest der Anwesenden konnte spätestens jetzt nicht mehr an sich halten.

Vater Pfein war eigentlich nicht besonders unintelligent. Aber wie er da mit seinem Baum im Flur stand, sah er eher aus, als wäre er der Dorfdepp in Person. Als Mutter sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, bat sie ihren Göttergatten, den Baum doch in das Wohnzimmer zu tragen. Der Aufschrei Vaters war wegen des Gelächters kaum wahrnehmbar und als er in das Speisezimmer trat hatte sich an seinem Gesichtsausdruck nicht viel geändert. Er ließ sich auf einen freien Stuhl fallen und schaute in die Runde seiner Lieben.

Dann rückte er an den Tisch, begann allmählich zu lächeln und sagte: „Dann wünsch ich allseits ein frohes Fest. Und Morgen schmücken wir unsere Bäume; Jeder den seinen.“

E N D E

Dieses Weihnachtsmärchen ist für alle Väter und Mütter gedacht, ohne Ausnahme.

21.10.91 Kay Fiedler

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Die Besucher

Schon lange suchten die Bewohner des Planeten Gilitak in fernen Galaxien nach belebten Planeten. Immer wieder wurden Expeditionen ins weite All geschickt, um nach Lebensformen zu suchen. Eines Tages kam eine Expedition mit freudiger Botschaft zurück. Sie entdeckten einen kleinen Planeten in einem kleinen Sonnensystem der von allerlei neuen Spezies bewohnt wurde. Sie brachten auch ein Exemplar der dort dominierenden, wenn auch nicht klügsten Rasse, mit. Sie konnten sich mit der neuen Lebensform soweit verständigen, daß man herausbekam, daß sie sich selbst als „Mensch“ bezeichnet und auf dem Planeten „Erde“ wohnt.

Mit den Ergebnissen zufrieden, wurde eine neue Expedition zur Erde unternommen. Die Gilitaker studierten die Erdlinge monatelang, bis sie an diesen eine seltsame Wandlung feststellten.

Der Wissenschaftsoffizier sprach ins Sendemikrophon: „Die Erdlinge scheinen seit Tagen eine Gem³tswandlung durchzumachen. Sie treten sich mit mehr Bewußtsein füreinander entgegen, als im bisherigen Zeitraum. Sie scheinen aber auch eine Energiekrise zu haben, da immer mehr Fenster statt durch das elektrische Licht mit Kerzen erhellt werden. Große Massen von Erdlingen ballen sich in den sogenannten „Einkaufszentren“. Sie kaufen mehr als bisher. Besonders fraglich erscheint mir an ihrem Verhalten folgendes: Sie schlagen, oder graben ihre noch grünen Bäume aus und stellen sie sich in die Wohnräume. Die Bäume werden mit allerlei glitzernden und leuchtenden Kleinkram besetzt. Die gekauften Sachen werden unter den Baum gelegt. Ich melde mich wieder, wenn ich neue Erkenntnisse habe. Ende!“

Nach einer weiteren Woche ging ein Notruf der Expedition, auf Gilitak ein: „Wir bedauern, euch mitteilen zu müssen, daß es sich bei der gemeldeten Gemütswandlung wohl nur um die Ruhe vor dem Sturm handelte. In der vergangenen Nacht wurden wir von den Erdlingen angegriffen. Ihre Waffen hatten zwar nicht genug Reichweite, um uns gefährlich zu werden. Dennoch ziehen wir es vor, die Mission abzubrechen. Wir waren sehr überrascht, daß selbst kleinere Erdlinge schon über Feuerwaffen, Sprengladungen und Raketen verfügten. Der gesamte Erdball schien auf einmal auf uns anzulegen. Die Erdlinge lachten uns aus, sangen und tanzten auf den Straßen. Nur an wenigen Stellen gab es Verluste durch fehlerhafte Waffen, oder falscher Anwendung derselben.

Ich, für meinen Teil, werde diese Rasse wohl nie begreifen. Wenn wir alles richtig vorausberechnet haben, sind wir rechtzeitig zum Fest der Faponister wieder daheim. Also hängt die Computer an die Turmspitzen und bemalt Häuser und Straßen mit gelber Farbe. Wir wollen dieses Jahr mal wieder so richtig feiern und unsere Lieder singen. Ende!“

E N D E

Jedem sollte gestattet sein, Feste so zu feiern, wie er es für richtig hält, oder wie sie in seinem Land üblich sind. Können wir den was dafür, daß Weihnachten und Sylvester so eng aufeinander liegen.

(c)1991 Kay Fiedler

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Mach’s gut, mein Freund

Ich erinnere mich noch gut an die Gerichtsverhandlung; An die verbitterten Gesichter der Anwesenden, ebenso wie an die Tränen meiner Verlobten. Ich erinnere mich an den donnernden Hammerschlag des Richters, als er das Urteil verkündete. Und ich erinnere mich auch an das Gesicht meines besten Freundes. Er war kreidebleich und schien einer Ohnmacht nahe. Er rechnete wohl jeden Moment damit, daß ich ihn als den wahren Schuldigen bezichtigte, um mich vor dem tötlichen Urteil zu retten.

Aber er ist mein bester Freund. Wir kennen uns fast noch aus dem Sandkasten. Viele Schwierigkeiten meisterten wir zusammen. Wir haben unbegrenztes Vertrauen zueinander.

Ich bin mir sicher, daß er seine Angst noch überwinden wird und sich freiwillig stellt. So, wie wir es uns immer geschworen hatten; Niemand soll für die Dummheiten des anderen aufkommen.

Ich sehe durch das Fenster meiner Zelle den Schnee fallen. Weihnachtslieder klingen zu mir herüber und auf dem Rodelberg, hinter der Mauer, spielen die Kinder. Sie lassen ihre Freude auf das Fest von weitem erkennen.

Möglicherweise ist es das letzte Weihnachtsfest, daß ich erleben darf. Aber ich darf die Hoffnung nicht aufgeben. Schließlich ist Weihnachten das Fest der Liebe. Das schlechte Gewissen wird meinen Freund jetzt noch mehr plagen, als bislang.

Aus der angrenzenden Gefängnisküche steigt mir der Duft von frischem Backwerk in die Nase. Wie schön wäre es, heute mit ihm und unseren Familien zusammen feiern zu können. Mit einer großen Pute, und einer Bescherung für seine Kinder. Es ist immer wieder schön, den Kleinen beim Auspacken zuzusehen.

Aber so, wie früher, wird es wohl nie wieder sein; egal was jetzt noch passiert. Diese irdische Freundschaft endet gesetzlich beschlossen zum Ende des Jahres. Auf einen von uns wartet der Sensenmann. Natürlich könnte ich Berufung einlegen lassen und mich entlasten. Doch würde ich alles aufgeben, woran ich je geglaubt habe. Der Tod könnte nicht schlimmer sein. Soll er mich doch holen, wenn es ihm gefällt. Ich bin bereit.

Was es heute wohl zum Mittag gibt? Hoffentlich etwas Besonderes zum Heiligabend. Da hör ich auch schon den Schlüssel im Schloß klappern. Hungrig wie ich bin, fällt meine Portion sicher wieder viel zu klein aus.

Nanu? Ich soll sofort mit zum Direktor kommen? Warum denn? Auf dem Weg,zum Büro des Direktors, sehe ich schon von weitem eine Wache mit einem Mann in Handschellen, die langsam in unsere Richtung kommen. Der Gefangene dort; das ist doch …

Er hat mich auch gleich erkannt und reißt sich von der Wache los. Wir umarmen uns, so gut es mit Handschellen eben geht. Tränen laufen uns beiden übers Gesicht. Als unsere Wachen uns wieder trennen und mein Freund an mir vorbeigeführt wird, höre ich wie er sagt: „Mach´s gut, mein Freund. Frohe Weihnachten, daheim!“

E N D E

Nachsatz: Diese ´Gedanken aus der Todeszelle´, sind für all Jene gedacht, für die das Wort ´Freundschaft´ mehr ist, als nur ein Wort.

(c)1991 Kay Fiedler

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