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Schach!!

Fussbodenschach
Foto zur Kurzgeschichte „Schach!!“

Ich schaue mich im Stadtpark um. Wiesen voller geschäftiger Nichtstuer. Zwischen den Bäumen tollen Kinder. Eine Frau vertieft sich in ihren Roman, während ihr Begleiter den Einweggrill anfacht. Sommer! Die Schwüle lässt erahnen, dass dieser Tag wieder mit durchgeschwitzten Bettlaken enden wird.

Ich sehe auf die Gruppe von Boccia-Spielern, wie ich sie sonst nur in Frankreich und Italien antreffe. Nur das dort das Spiel bei einem guten Wein oder Schnaps zelebriert wird, ein Volksspiel. Man lässt sich Zeit und beredet die Tagesgeschehen zwischen einem edlen Tropfen und einem guten Wurf.

Diese Gruppe spielt lediglich das Spiel gemäß der Spielanleitung, die bei den bunten Plastikkugeln dabei war. Plastik und Dosenbier! Als nächstes werden sie sich eine Boccia-App auf ihre Smartphones herunterladen und sich gegenseitig mit der Cola-App zuprosten ohne ihre mit Decken markierten Rastplätze und Picknickkörbe zu verlassen.

Ein Schwarm Vögel schmiegt sich in der feinen Bö zwischen den Bäumen und erfreut mich mit ihrem Lied. Ihre Schatten wandern wild auf der Wiese umher und verfolgen ihre Piepser. Zwei Teenager schauen kurz von ihren Plätzen auf und stellen ihre MP3-Player lauter. Sommer! Ich liebe es!

Zwei Kinder haben ihre Wasserpistolen dabei und verfolgen einander quer über alle Decken. Mancher schaut gestört drein, lässt die Kinder jedoch gestatten. Der Duft der Wiese vermengt sich mit Schweiß, Grillfleisch und Sonnencreme und ich weiß die Zeit ist reif.

Es ist der richtige Tag für eine gute Partie Schach. Dort sitzen sie, geschützt durch die Bäume. Geschützt vor den Blicken der Anderen, geschützt vor dem lauwarmen Sommerwind und der brütenden direkten Sonne.

An einem der vier Schachtische sitzt ein Pärchen und missbraucht  den Tisch für ein Picknick. Sie werden geduldet, da sie sich ruhig dabei verhalten. An zwei anderen Tischen wird emsig an Strategien getüftelt, während der letzte Tisch auf Spieler wartet. Sommer! Hier findet er statt.

In der Mitte der Schachtische wurde ein größeres Schachfeld auf dem Boden angelegt. Hier findet das eigentlich interessante Spiel des Tages statt, welchem auch ich mich heute widmen möchte.

Ich schaue mir die beiden Spieler am Fussbodenschach genauer an. Wilfried hat ein vom Wetter und Zeit gezeichnetes Gesicht. Man sieht ihm den versierten Schachspieler an. Er hat das Spiel zu einer ihm eigenen Kunst entwickelt, plant seine und die gegnerischen Züge bereits auf fünf Züge im Voraus, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Er kennt seinen Gegner nicht wirklich und streng genommen ist er ihm auch egal. Wilfried ist Jahre zur See gefahren und der einzig verlässliche Freund war sein Spiel. Keiner kennt es so gut wie er. Auch jetzt als Rentner würde er niemanden mehr als Freund bezeichnen, mehr als sein Spiel.

Wilfrieds Gegner ist heute Guiness. Zumindest steht das groß auf seiner Umhängetasche, die achtlos am Spielfeldrand liegt. Aus ihr könnte Guiness im Minuten-Takt das Klingeln seines Telefons vernehmen, wenn er nicht so wahnsinnig konzentriert wäre. Wilfried machte ihm bereits mit den ersten beiden Zügen klar, dass er es mit einem Profi zu tun hätte. Seine Eröffnung nach Kasparov 1985 in der Ukraine hatte Wilfried gekontert und zu seinem Vorteil genutzt. Welche Strategie verfolgte Wilfried? Guiness lässt in Gedanken alle ihm bekannten Schachmeister und Partien der letzten Jahrzehnte im Schnelldurchlauf an sich vorüberziehen bevor er nach etwa gefühlten drei Minuten einen der großen Bauern ein Feld vorrückt. Guiness geht zu der abseits am Boden abgestellten Uhr und haut ihr auf den Kopf.

Ein vernehmliches ‘Klink‘ macht Wilfried bewusst, dass er nunmehr am Zuge ist. Er verschwendet kaum Zeit, sondern geht gezielt auf seinen Springer zu und verbaut dem Bauern jegliches weitere vorrücken. Mit der Gemächlichkeit sich die Ruhe verdient zu haben geht Wilfried ebenfalls zur Uhr und lässt ein ’Klink‘ in die Sommerluft entfleuchen.

An einem der anderen Tische schaut einer der Spieler einen Moment zu dem großen Schachplatz. Sein Gegner nutzt diese Unachtsamkeit für einen zweiten Zug. Aber um dieses Spiel geht es mir heute nicht.

Da Guiness in seinem Repertoire an Spielen keine gängige Strategie finden kann, versucht er jetzt etwas nahezu Auswegloses. Er versucht den Blick mit Wilfried zu kreuzen und ihm seinen nächsten Zug an den Augen abzulesen. Unter den wuschigen ergrauten Augenbrauen starrt Guiness auf blaugrauen Stahl. Keine Regung, kein Zucken.

Wilfried kommt der Aufforderung nur Unwillig nach. Er ringt sich ein Lächeln ab und sagt: „Sie sind am Zug, Herr …?“

„Jepsen! Jan Jepsen“, antwortet Guiness, nun vollkommen aus seiner Konzentration gerissen. „Ich bin Wilfied Schmidt! Sie sollten sich mehr auf das Spiel an sich konzentrieren und nicht auf Nebensächlichkeiten. Dann haben wir beide mehr davon!“ Wilfried sagte es und verstummt, als hätte er Guiness ausreichend ermahnt ihn nicht weiter anzustarren.

Jan  nutzt die Unterbrechung, um sein Telefon aus der Guiness-Tasche zu nehmen. Drei Anrufe in Abwesenheit, alle von der gleichen Nummer. Nein! Im Rechenzentrum mussten sie es auch einmal ohne ihn schaffen. Und er hat extra noch gesagt sie sollten ihn nur im Notfall stören. Ein wirklicher Notfall, nicht etwa ein verlegtes Passwort, eine unauffindbare Datei, niemand anders im Betrieb, der es so gut ausbügeln könne wie Janus Jepsen, Herr der IT. Jan heißt eigentlich Janus, aber er konnte sich noch nie mit dem Namen anfreunden. Zudem geht es Wilfried nichts an, wie er wirklich hieße.

Freie Tage waren für Janus selten und dieser war stellvertretend für einen ganzen Jahresabschnitt, im Volksmund Sommer genannt. Jan überlegt eine Sekunde lang, ob er das Smartphone nicht ganz abschalten solle, aber dann wäre er ja für niemanden mehr erreichbar. Er begnügte sich mit einem resignierten Wurf zurück in die Tasche.

Janus sank gerade in die Spielstrategie zurück als ein erneutes aufflackern seines selbst erstellten Klingeltones aus dem schneller gepitchten Elvisklassiker ‚Muss-i-denn‘ bestand, Janus wieder zum auftauchen zwang. Janus greift das Mobile wie einen Wurfknochen und bellt hinein: „Ja, Jepsen! Was ist denn?“

Während Wilfried tief durchatmend die Uhr auf Pause stellt, hört Janus sich das Problem seiner Stellvertretung an. Janus nutzt die Gelegenheit sich umzusehen. Das Picknick am Schachtisch scheint beendet zu sein. Der Tisch ist leer und leere Einwegverpackungen lassen keinen Zweifel an dem Missbrauch. Wenn solche Leute wenigstens danach aufräumen würden.

Die Bauern sind vom Feld.

Janus schaut an einen der anderen Tische. Einer der Spieler macht eine sich Ruhe ausbittende Geste zu Janus. Aber Janus lässt sich dadurch nicht von einer lauten Antwort in seinen Rufknochen abbringen: „Micha! Was ist in deinem Dafürhalten ein Notfall? Du hast die Liste mit allen Passworten unter der Schreibtischmatte kleben! Ich hab es dir schon x Mal gesagt, was ich davon halte, allein schon wegen der innerbetrieblichen Sicherheit! Ach egal…, schau in deine Liste und lass mich hier in Ruhe! Ich… was?“ Micha versucht nun seine Entscheidung zu rechtfertigen und Janus hört entspannter zu als er sieht, dass Wilfried die Zeit angehalten hat.

Wieder schaut Janus sich um. Er erfasst das Spielfeld kurz abwägend, das alles in Ordnung ist. Die beiden Kinder mit ihren Wasserpistolen werden von einem wutentbrannten Teenager verfolgt. Alle drei streifen kurz das Spielfeld von Janus und Wilfried. Der Teenie flucht laut, während die Kinder in sicherem Abstand immer wieder kurz um sich spritzen. Laut lachend und fluchend entfernen sich die Wasserspeier und ihr Verfolger wieder durch die Bäume.

Der Blick Janus folgt den dreien zwischen die Bäume hindurch auf die Wiese. Die Bocciaspieler sind fort. Überhaupt scheint es leerer geworden zu sein. Ist es schon so spät? Ein flüchtiger Blick zur Armbanduhr offenbart, dass sich viele zurückgezogen haben dürften.

Es ist WM-Jahr und heute gibt es sicher noch ein wichtiges Spiel. Spielen wir heute nicht gegen…? Janus hört nicht auf Michas Entschuldigung und wendet sich an Wilfried. „Gegen wen spielen wir heute in der WM?“

Wilfieds Antwort besteht aus einem Achselzucken. Nicht nur, dass er es nicht weiß, es ist ihm auch egal solange sein Spiel nicht geschlagen ist. Und sein Gegner zeigt Abwesenheit. Sowas kann ein ganzes Spiel ruinieren.

Weitere Bauern sind vom Feld!

Die Schwüle ist kaum mehr auszuhalten. Selbst Wilfried muss sich jetzt den Schweiß von der Stirn wischen. Als er erkennt, dass das Spiel am Telefon erst entschieden werden muss, lässt er den Blick ebenfalls ein wenig schweifen.

„…Du weißt, wie ich dazu stehe!“, hört Wilfried den erneuten Zug seines Gegners ins Telefon kläffen. Ein warmer Föhn zieht durch die Bäume. Eine leere PVC-Flasche rollt vor mir her in Wilfrieds Blickfeld. Wilfried schaut mich jetzt direkt an, so wie in all den Jahren auf See – unerbittlich, kühl. Aber heute ist ein guter Tag für eine gute Partie Schach! Ich werde heute gewinnen, soviel ist sicher!

„…Ja, okay! Jetzt ist es eh zu spät. Herzlichen Dank, Michael! Wir reden Montag darüber! Was? … Ja schönen Feierabend! Leg dich wieder hin! Tschüss!“. Janus beendet seinen Zug mit der Akzeptanz des Schachmatt mit Michael indem er sein Smarty in den Beutel zurückwirft.

Springer schlägt Turm!

„Ups! Da braut sich was zusammen“, lässt sich Janus hören, als er mich entdeckt. „Zurück zu unserer Partie, Herr Schmidt!“. „Sie sind immer noch am Zug“, lautet die Antwort Wilfrieds, als er den Pausenhaken von der Uhr löst.

Jan Janus ´Guiness´ Jepsen taucht schnell aber bestimmt zurück in sein Schachspiel. Er sucht nach einer Möglichkeit Wilfrieds Springer zu umgehen ohne seinen Bauern opfern zu müssen. Er überlegt: „Vielleicht…“

„Ja, das könnte funktionieren. Diesen Spielzug aus dem Jahre 1965 zwischen dem Weltmeister und seinem damals noch jungen Schachschüler Endo… Erzo… ach wie hieß der doch gleich noch? Nun, egal – jedenfalls war die Partie nur von einem Beobachter notiert worden, der es erst letztes Jahr auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hatte. Wilfried machte nicht den Eindruck, als kenne er das Internet. Er kann das Spiel unmöglich kennen.“ Mit sich zufrieden, geht Janus zu seinem Springer und bringt den Springer Wilfrieds seinerseits in Bredouille. Jetzt erst wieder voll im Spiel, geht Janus siegesgewiss auf die Uhr zu.

‚Klink‘.

In der Entfernung hört man ein „Ach Menno“ aus zwei Kehlen gleichzeitig. „Schluss!“ ruft eine weibliche Stimme. „Ihr packt die Spritzen jetzt weg und räumt hier auf! Ihr spinnt ja wohl! Wir gehen!“ Nach ein wenig rebellischem Aufbegehren und ebenso bestimmten Antworten wurde es deutlich stiller auf der Wiese, als die Kinder weiter unter Protest die Wiese verließen. Wilfried genießt kurz die neuerliche Ruhe, ehe er seinen Zug ausführt.

Königin schlägt zwei Springer. Geht nicht? Geht wohl!

Wilfried blockt Janus Springer seinerseits mit einer Turmdeckung. Ihm war Janus Zug quasi klar. Er hatte jedoch von fünf möglichen Zügen den wohl sinnlosesten versucht. Seinen Berechnungen nach blieben Janus nur noch drei Züge bis zum finalen Aus. Ein Schlupfloch wäre da noch zu stopfen, aber das  ausgerechnet dieser Janus das Loch in der Verteidigung sehen sollte…

‚Klink‘

Janus ließ alle Strategien fallen. Warum funktionierte Wilfried nicht? Im Schachforum hätte er jeden mit dieser Springerkombination zum Schwitzen gebracht. Und Wilfried entwaffnet den Weltmeister 1965 und vor allen Dingen Jan. Der Janus in Jan verliert nicht gerne. Nicht allein deshalb paukte er all diese Partien der alten Meister. Jan ist ein Gewinner und wenn er schon verliert, dann mit… Hups! Da war die Lücke, die er brauchte!

Wilfried muss Jan mehr Verstand zugestehen als bislang zugemutet, als Jan seinen Läufer auf die befürchtete Position setzt. Es wird also Ernst. Endlich doch noch so etwas, wie eine Herausforderung. Wilfried schaut mich kurz an, als wolle er meine Bestätigung haben. Ich schwieg zwar nicht, aber er wollte ja trotzdem nicht hören. Willi, stur wie immer.

‚Klink‘

Die Partie  am Nachbartisch wurde gerade beendet. Ich kann nicht erkennen, wer von den beiden das Spiel gemacht hat. Einer der Spieler räumte eilig die Spielsteine in eine Holzschachtel und es sah ein wenig nach Flucht aus, als der eine binnen Sekunden zwischen den Bäumen aus dem Blick der Anwesenden verschwand. Sein Gegner geht auf Wilfried zu und sagt: „Willi, alter Freund! Seh zu! Wir sehen uns im Mumienhaus. Mach den Grünschnabel weg und komm.“

Bauer schlägt Turm!

Nur noch ein Zug vom Finale! Ich hole noch einmal tief Luft und halte inne. Da merke ich, dass die Vögel nicht mehr singen. Auch der letzte Schachtisch ist nun leer. Es ist als würde die Schwüle um uns herum alles verschlucken.

„Willi, alter Freund!…“ grunzt Wilfried seinem Heimmitbewohner leise hinterher, als er sich auf seinen Zug konzentriert. „Freund! Pah! Mumienhaus! Witzbold!“, grummelt er.

Janus schaut sich um, kann mich nun auch nicht mehr übersehen. Er stellt darüber hinaus fest, dass außer Willi und ihm nur noch ich am Spielfeld sind.

Nun, ich glaube ich bin wieder am Zug.

Ich atme aus.

Eine Woge reißt die Äste der Bäume zum Bersten nahe auseinander. Letzte Wiesenhocker stürmen mit ihrer Habe vom Platz. Der kalte Platzregen peitscht so auf die Erde hernieder, dass der aufsteigende Dampf kaum gegen die Wassermassen ankommt. Kleine Hagelkörner würzen das Spektakel, als ich meinen Zug über den Schachplatz heranführe.

Wilfried lässt sich nicht beirren. Er schlägt auf die Uhr, als er seinen Zug beendet hat. Janus hat sich seinen Guinessbeutel geschnappt und hält nur noch einen Zug inne, als er auf das Spielfeld schaut. Das ‚Klink‘ erreicht ihn durch den Sturm hindurch kaum noch. Dennoch weiß er, nur noch zwei Züge…

Es reicht! Ich suche mir einen Baum ein wenig abseits und schlage darauf! „Schach!“

Janus hält den Beutel über seinen Kopf geschützt um sich vor dem Hagel zu schützen und stürmt ohne noch einen weiteren Gedanken an das Spiel in Richtung Parkplatz. Ja, verlieren tut manchmal weh.

Wilfried schaut mich wieder resignierend an. In aller Ruhe packt er seine Uhr in eine Plastiktüte. Er hat mich schon ganz anders erlebt, denkt er. Es ist doch nicht auszuhalten. Dieser Wilfried!

Ich suche mir einen dichteren Baum und schlage drauf! „Wilfried! Schach!“

Wilfried hält in seinem finalen Zug inne. Er presst die Uhr an seinen Körper und hinkt eiligst los.

Verwaiste Verpackungen, Handtücher und einige Einwegrills flogen mir kleine Pirouetten, als ich Wilfrieds König umkippte.

„Schachmatt!“

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Augen auf beim Sockenkauf

Augen auf beim Sockenkauf

Ich saß, wie so oft im Linienbus zwischen Bahnhof und Heimat, da kam so ein heruntergekommener Vertretertyp, wie man sie von den Kaffeefahrten her erwartet in den Bus und startete eine Verkaufsnummer. Leicht emphatisch wirkend streckte er eine einzelne Rheumasocke in die Luft! „Wör brauch düsen wunnebaren Soggen?“, rief er in die Menge der Fahrgäste.

Ich konnte nicht widerstehen: „Welchen Lichtschutzfaktor hat der denn?“ Das Gelächter im Bus quoll kurz auf, um gleich wieder abzuebben. Belämmert und ziemlich glasig starrte der Vertreter mich an.

Er machte einen taumelnden Schritt auf mich zu und ignorierte meine Frage: „Musste boam Sss.., beim Sss…“ Er nahm die Finger der Rechten vor den Kopf und pickte mir den linken Zeigefinger in die Rippen. „Nu sach schon, beim Sss…, verdammt! Beim Figgen musse den Soggn anziehn.“

„Und das führt mich dann zu ungeahnten Liebeswonnen?“, fragte ich zurück.

Er hielt mir den Zeigefinger jetzt geknickt vor die Nase, „Das junger Freund nicht, abe du hols dia beim Sss…, beim Figgen am Strand keinen Sss..onnenbrand auffer Soggnseite!“

Triumphierend hielt er mir den Socken vor die Nase, nickte und wusste, er hat sich revanchiert.

Ich sah mich geschlagen, lachte herzhaft mit allen anderen, bevor ich ihm seinen Seelenfrieden gab und ihm den Socken abkaufte. Der Spaß war es wert!

(c)2011 Kay Fiedler

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Der schwarze Schelm tritt ein…

Der schwarze Schelm tritt ein…

Hallo!

Ich galt schon als Bub als großer Geschichtenerzähler. Wenn ich als Grundschüler von meinen Reisen und Erlebnissen erzählte, kleben die anderen Schüler wie gebannt an meinen Lippen, rochen mit mir an Blumen, schmeckten die Luft, die mir um die Nas spülte.

Nach meinem Wechsel in eine neue Gemeinde wendete sich das Blatt. In den eingeschworenen ländlichen Gegenden von S-H war es gar furchtbar sich Gehör zu verschaffen. Alles lärmte und war unkonzentriert bei der Sache.

Ich griff zur Feder und machte meinem Unmut Platz, kritzelte Fantasie aufs Papier, brachte Gedanken zum Ausdruck und wurde ein stummer viel zu früh auch sehr sarkastischer Schreiberling.

Die Klassen wandelten und schließlich hingen die Mitschüler beim Vorlesen der Aufsätze erneut wie gebannt an meinen Lippen. Die Magie wirkte.

Nach nunmehr 20 Jahren Rollenspiel weiß ich, wie der schwarze Narr sein Publikum unterhält, es zum Lachen und zum Nachdenken bringt!

Und so stand ich vor den Torwachen der Geschichtsschreibzunft und rief die Zinnen hinauf, die Arme keckt in die Hüfte gelegt…

„Laßt ihr mich ein?“

„So sprich, wie lautet Euer Name, Schelm?“, antwortete die Wache pflichtbesessen aber müde.

Die kalten blauen Augen des Schelms schauten starr gen Torwächter, während sein Mund sich zu einem nahezu grotesken Lachen verzog:

„So nennt mich in Eurer Zunft LoGrizz! Doch wisset, dass ich als Schmierfink den Namen ‚Yakobo‘ trage und wohl bekannt in meinem Lande bin!“

Der Torwächter beriet sich kurz mit seinem Kollegen: „Sag mal, kennst Du den? Nein? Auch nicht!… Tut so, als müsste man ihn reinla… Bitte? Okay ja… reinlassen und nichts anmerken lassen. Ja, wir bringen ihn zu den anderen Scherzbolden…“

Langsam öffneten sich die Torflügel und der schwarze Schelm trat dem austretenden Licht entgegen!

„So denn“, dachte der Schelm und ließ die Flügel des jc-tempels hinter sich zufallen. Er sah eine Traube anderer Schreiberlinge. Dort standen sie in langen Reihen von Stehpulten. Er sah die Formation der Pulte, überlegte kurz, grinste in sich hinein und stolperte in den ersten hinein.

Pulte flogen, Blätter rieselten und sorgten für ein kleines Durcheinander. Der Schelm stand auf und klopfte sich den Staub aus der schwarzen Kluft. Es ließ sich nur erahnen, wieviele Schichten Staub der Mantel schon gesehen hatte. Die unterste Schicht verhinderte die Sicht auf einen durchaus bunten Vogel.

„Oh, entschuldigt bitte vielmals. Ich hoffe, es war niemand von Euch mit etwas Wichtigem beschäftigt, das tät mir Leid! Aber da Euer sich entschied eine Pause einzulegen, gebt mir doch einen Moment Euer Gehör!“

Erste zornige Blicke richteten sich auf den Schelm, der sich weiter den Staub abklopfte, bis der Sand auch aus den Glöckchen entfernt war.

„Mein Name ist LoGrizz! So Ihr noch einen leeres Schreibpult für mich habt, wäre ich gerne einer der Euren!

Einige der Schreiberlinge schauten einander an, andere brachten Ordnung in die Flugblätter. Der erste Schreiberling, dem das Wort zukam, zeigte rücklings zu einem losen Brett, das weiter ab von den Pulten an einem Apfelbaum lehnte. „Dort soll Dein Platz sein, Spitzbube. Möge er sich beweisen.“ nach kurzer Pause fügte der Schreiberling in niederem Tonfall hinzu:“…und aufs herzlichste Willkommen, Bruder!“

Der Schelm LoGrizz schritt fröhlich pfeifend durch die Schreiberlinge hindurch, während er ein kleines Fässchen aus seinem Mantel zog und eine Feder aus seinem Hut zog. Er prüfte sorgsam die Spitze und setzte sich unter den Baum, das Brett auf den Schneidersitz sattelnd.

„Und nun, werte Kollegenschaft, … Brüder und Schwestern“, sein Auge blitzte bei dem letzten Wort kurz auf, als er in die Runde schaute, so musste sich manche Schreiberin gar tief nach den Papieren bücken,“… lasst uns Geschichte schreiben! Lasst uns diese Welt aus den Angeln heben, lasst uns Liebe in Worte wandeln, Arglist offenlegen, Humor verbreiten, ein Kind zum Lachen bringen, eine Frau zum Weinen und die Lenden der Alten brennen lassen! … Seid beflügelt!“

Die Feder des Schelms kreiste dreimal um sein Handgelenk, bevor das Gekratze auf dem Papier die Stille übertönte. Die anderen sahen einander immer noch mitunter zornig an, jedoch wich jener Groll auf den Schelm, als sich dessen Worte langsam legten. „Also denn!“, wiederholte der erste Schreiberling, „Euer hat den neuen Bruder reden hören, lasst Geschichten sprechen!“

Emsiges Kratzen von zig federn wurde alsbald zum Getöse! „So sei dies meine Vorstellung“, murmelte der Schelm nd lächelte in die Runde.

Mit frechem Grinsen

LoGrizz aka Yakobo (p)09/2011

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Nacktputzen

Nacktputzen

Neulich beim Nacktputzen, da ist es passiert. Ich kontrolliere beim Putzen auch immer gerne die Petroleumlampen und fülle nach. Doch dann war das Lampenöl alle. Draußen im Schuppen war noch eine Flasche, dass wusste ist. In einem völligen Blackout vergaß ich nicht nur meine Kleidung, sondern auch den Schlüssel. ‚Klack‘ und die Tür war zu.

Der Nachbar, bei dem ich mich gerade letzte Woche über das laute Trompete spielen beschwert hatte, kam am Gartenzaun entlang. Er sah anfangs etwas vergnatzt aus. Jedoch erhellte sich seine Mine, als er mich sah, wie ich versuchte mich unmöglicherweise zu verstecken.

„Harhar! Jetzt mal nicht so bescheiden, Herr Nachbar! Springen und Tanzen Sie dabei ruhig durch Ihren Garten! Zeigen Sie Ihre ganze Pracht damit Frau Müller von gegenüber so einen richtig lauten Jubelschrei ausstoßen kann.“, rief er mir herüber.

Bescheiden nickte ich. Und ich dachte mir, „jetzt keine Blösse zeigen… ich meine nicht noch mehr…, ich meine… ach egal!“ Ich tanzte, ich sprang und der Nachbar ging erneut vergnatzt weiter. „Sieg!“, dachte ich.

Naja, fast! Es folgte tatsächlich der „Jubelschrei“ von Frau Müller und eine Polizeieskorte zum Revier, die mir ebenfalls zu der Anzeige von Frau Müller gratulierte. Der Schlüsseldienst gratulierte mir, als er mich in der Polizeiwolldeckentoga in meine Wohnung einließ. Und ich gratulierte mir weinend zu dem gelungenen Nachmittag!

Nacktputzen? Never ever again!

(p) 09/2011

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Nur noch schnell einkaufen

Nur noch schnell einkaufen. Viel brauche ich ja nicht – Eier, Milch, ein wenig Aufschnitt, vielleicht noch etwas Guthaben für den Appstore. Ach herrje! Was mach ich mir denn morgen zum Mittag? Worauf hat die Elisabeth, Tochter ihrer Mutter denn morgen Appetit? Hhhmm was zieh ich mir rein? Tortellini?

Über Reihen hinweg sehe ich das Angebot des Schlachters. Rindergulasch… Warum nicht? Für zwei Tage Essen und den Rest kann ich einfrieren. Also „auf, auf“, an die Fleischtheke.

Mist, ist die Schlange lang. Also doch Tortellini? Oh, ein neues Gesicht am Zerlegeplatz?! Das muss ein neuer Azubi sein. Aber schon gute Anlagen in den Armen. Hmm… nein, zuviel Pelz an den Armen, er kann unmöglich ein Azubi sein, aber allenfalls Geselle, oder frisch von der Meisterschule? Auf jeden Fall… irgendwie süß, nein – männlich! Aber auch süß!

„Ja, natürlich! 500 Gramm von dem Lendenfleisch?! Kein Problem, der Herr! Jonas, schneidest du mir das bitte eben?“

Ah, Jonas heisst der Gute. Die andere Stimme kenne ich nur zu gut. Schon in der Schulzeit nervte mich die Überweiblichkeit unseres Busenwunders Melanie. In kaum einer Sekunde rauschen die Bilder an mir vorbei. Ständig gab es Tratsch wegen ihr, weil sie mal wieder mit einem Jungen der höheren Klassen geschlafen haben soll. Auf der Endklassenfahrt in den Harz stellte sich raus, dass sie wohl mit fast allen Jungs aus der Klasse was hatte. Die eine Nacht hatte ich sie sogar mit zwei Jungs im Hochbett erwischt. Ja klar, sie spielten nur Karten, meinte sie. Total zerzaust, halbnackt zuckte sie hoch und die Jungs kicherten bei ihrer Aussage. Verdammte Klassenschlampe! Wenn es einen Grund gab, mich nicht mit Männern einzulassen, dann war Melli mit Sicherheit ein Grund dafür. Alle standen auf Melli, Melli hier, Melli da… Melli war für alle da! Jungs! Ich bin da anders erzogen worden, aber vermutlich war mein Vater der einzig wahrhaftige Mann, auf den meine Erziehung passte.

Wird die Schlange denn gar nicht kürzer? Melli hat sich kaum verändert. Okay, sie ist keine zwanzig mehr, aber mit fast vierzig käme sie auf diese Entfernung immer noch mit Mitte zwanzig durch. Oh Himmel, hat sie sich ihren Arbeitskittel selbst modifiziert? Die Brüste fallen fast raus und ich kann sogar die Oberschenkel beim Gehen aufblitzen sehen. Oh, Melli! Du bist so widerlich! Sooo…

Angewidert wende ich mich zu dem jungen Jonas, der jetzt direkt vor mir am Tresen arbeitet. Jemineh, sind seine Finger geschickt. Er legt das Lendenfleisch vor sich, scheint den Schnitt kurz abzuwägen und ohne Anzeichen von Gewalt gleitet sein Messer durch das zarte Fleisch, so dass es für mich einen Moment lang so aussieht, wie…! Er legt das Messer beiseite und fährt relativ langsam mit beiden Daumen die beiden Fleischhälften empor. Ein Schauer läuft mir über Rücken und Arme. Oh verdammtes Kopfkino! Der sieht aber auch gut aus!

„Hei Ella!“, höre ich Melli sagen, „Lange nicht mehr gesehen! Sind es schon… wenn nicht noch länger! Ach Schatz, du glaubst ja gar nicht wie ich mich freue dich zu sehen!“ Leicht irretiert löse ich meinen Blick von Jonas, dessen eng sitzendes weisses T-Shirt zwei Brustknospen deutlich abbildete. Wie gerne würde ich diese Zipfel mit meinem Speichel benetzen. Ella! Halt dich zurück! Dem Kälteschauer folgt nun ein warmes Gefühl im Kopf, aber auch in einem anderen Bereich meines Körpers.

„Oh Melli, Liebelein! Hab dich gar nicht bemerkt“, höre ich mich sagen und blicke sie möglichst überrascht an. „Du bist kein bisschen älter geworden. Wie machst du das bloß?“

Sie stellt sich als Antwort seitlich an Jonas und fährt mit einer Hand seinen Rücken herunter, „Ich halte mich an junge knackige Männer und verschwende keine Gedanken an Heirat und Familie! Und du? Verheiratet? Kinder?“ Mit einem kleinen Klaps auf seinen Hintern wartet sie auf meine Reaktion.

Verdammt! Sie muß gesehen haben, wie ich eben auf Jonas gegafft hatte. Diese Schlange! Am liebsten würde ich über den Tresen springen und ihr die Haare vom Kopf reißen!

 Nein! Hat sich irgendwie nicht ergeben. Arbeit, Arbeit! Hab ja nach der Schule noch studiert und arbeite seither in …“

„Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Melanie! Behalten Sie bitte Ihre Finger bei sich! Sonst muss ich doch mal mit dem Meister reden!“

Wow! Was für eine Stimme! Nichts Jugendliches darin, eine unerwartet raue Stimme, die mir noch einmal mehr in die Beine fuhr. Oh Bitte, nicht Melli und Jonas zusammen in meinem Kopf. Böses Kino! Böses!

Aber er weißt sie zurecht, das gefällt mir! Ich hätte vermutlich erst recht keine Chance bei Jonas, da auch ich zu alt für ihn wäre. Aber das diese alte Schrappnelle abblitzt, freut mich.

„Ach, stell dich nicht so an! Bedien mal lieber meine alte Schulfreundin Elisabeth! Sie steht auf dich!“ Bei diesen Worten bumpt sie ihren Hintern gegen den von Jonas und geht zu der nächsten wartenden Kundin.

Leicht verlegen wirkende Augen scheinen sich kurz ordnen zu müssen, ehe sie mich geradeheraus mustern, mich Jonas Gesicht schließlich anlächelt.

„Was darf es sein, gnädige Frau?“ Oh, du! Serviert auf einem Silbertablett, oder besser einmal Jonas in schummrigem Licht halbnackt vor dem glimmenden Kaminfeuer! Bitte! …

„Sag ruhig Ella zu ihr“, hören wir Melanie sagen, ohne sich von ihrer Kundin abzuwenden.

„Ähm… Ella? Was darf es sein?“, fragt Jonas mich mit durchdringenden Blick. Ella! Denk an deine Erziehung! Oh, er hat ja doch schon kleine Krähenfüsschen um die Augen. Doch gar nicht mehr so jung, der Bursche!

„Ich hätte gerne zwei Kilo von dem Rindergulasch!“. versuche ich fehlerfrei von den Lippen zu bekommen. „Und zwei Hände voll Jonasarsch!“, fügt Melli hinzu, wirft mir einen Luftkuss zu und verschwindet flink durch die Flügeltür im Kühlraum.

Miststück, denke ich bei mir und schließe kurz die Augen. Verdammtes Miststück!

„Verdammtes Miststück!“, höre ich Jonas murmeln, als ich die Augen wieder öffne. „Also, zwei Kilo!“ wiederholte Jonas und wog das Fleisch bereits ab, „sonst noch etwas?“

Dammich! Ella! Wenn nicht nicht hier und heute, dann nie. Zum Glück ist ausser mir und ihm niemand mehr in der Nähe des Tresens und das Melli-Miststück noch im Kühlraum.

„Vielleicht…“, ich fühle mich, als wäre alles Blut im Kopf, „doch tatsächlich…“, wurks, nun gab es kein zurück und das Blut teilte sich mit der Wärme zwischen meinen Schenkeln, „zwei Handvoll…“

Die Tür zum Kühlhaus geht ein wenig auf und ein breit grinsender Mellikopf schaut durch ein Bullauge der Stahltür. Sie lauscht! Sie lauscht und läßt mich auch noch wissen, dass sie es tut! Dieses Mistvieh! Wie ich sie hasse!

„…Wiener!“ beende ich meinen Satz! Die Tür schließt sich wieder und Melli scheint vergnügt ein Liedchen dahinter zu trällern, als hätte sie nie etwas anderes dahinter getan.

„Zwei Kilo Rind, zehn Wiener“, höre ich Jonas sagen, während er die Würstchen in eine Tüte gleiten lässt. „Darf es sonst noch etwas sein? …Ella?“ Und schon wieder sehe ich die fragenden Augen in die meinen blicken! Ella! Denk an Papas Erziehung! Keine Flirtereien! Keine Verkupplungen. Aber ich…

Papa hat Recht. Was soll das? Am Ende liegt nur ein schnaufender schwitzender Jonaskörper auf mir und ich soll doch auf den Prince of the universe warten. Aber wie lange noch, und wie erkenne ich ihn? Jonas ist wirklich… Wow!! Aber es darf nicht so billig sein! Anstand, Elli, Anstand!

„Nein, danke! Das wäre alles!“, lassen mich meine Lippen sagen. Jonas verpackt beide Sachen in eine große Tüte, schreibt das Etikett für die Kasse fertig und tackert es an die Tüte, ehe er mir das Packet rüberreicht. „Schönen Tag noch, Ella!“

Wie benommen verabschiede auch ich mich, gehe verloren durch die anderen Reihen bis zur Kasse. Oh Nein! Besser, ich mache nur kurze Schritte. Hoffentlich hält die Einlage noch bis zu Hause! Oh, was für ein Mann!

An der Kasse lege ich meine Einkäufe auf das Band, in Gedanken immer noch bei Jonas. Diese breiten Schultern, der sinnliche Unterkiefer, die raue Stimme. Einfach alles an ihm verfolgt mich in meinen Gedanken.

Die Kassiererin zieht die Ware über ihren Scanner. Bei dem Fleischpaket reisst sie den oberen Zettel ab, tippt den Bon direkt in die Kasse und legt das Paket lächelnd zurück auf das Förderband.

Als ich den Laden endlich verlasse, sehe ich Melanie abseits stehen und rauchen. Sie schaut auf das Treiben des Parkplatzes und winkt mich zu sich herüber, als sie mich ebenfalls bemerkt.

„Ella! Schätzchen! Und? Hast du ein Date mit Jonas klarmachen können?“ Bei diesen Worten wartet sie nicht einmal meine Antwort ab, sondern gafft bereits auf eine enge Jeans die über den Parkplatz schlendert. Sie bläßt ihren Rauch aus und starrt mich keck lächelnd an.

Okay. Das reicht! „Ach Liebelein! Es sind zum Glück nicht alle Frauen so gestrickt, wie du! Wenn ich gewollt hätte, hätte ich es auch getan! Ich bin erwachsen!“

„Ach ja? Bist du dass?“, fragt sie, hebt sich von der Wand ab, gegen die sie gelehnt stand und schnippt ihren Filter weg. „Dafür habe ich meinen Spaß! Denk mal drüber nach!“ Sie steigt gerade die Stiege zum Hintereingang der Fleischerei wieder hoch, da dreht sie sich noch einmal um: „Ella! Ich weiß, dass viele von euch anderen Mädchen in der Klasse mich nicht mochten. Na Und? Dafür lebe ich und nehme mir, was mir gefällt. Sicher habe ich dabei auch schon meinen Reiter hoch zu Ross durch die Finger gehen lassen. Aber wenn der Reitemax es nicht schafft mir meine Schranken zu weisen und mich an sich zu reissen, kann es wohl kaum der richtige Eine für das Mellimäuschen gewesen sein, oder? Für wen willst du dich aufsparen? Auch wenn ihr mich damals nicht mochtet, ich mag euch. Und das ist die Erziehung, die ich genossen habe: Liebe deine Nächsten! Ja, vielleicht nehme ich das manchmal zu wörtlich, aber ich habe keine Feinde. Mensch Elli! Geh wieder rein und schnapp dir den Bengel, oder hast du seine Reaktion auf dich nicht bemerkt?! Ciao, meine Kleine!“

Die Tür schloss sich hinter Melanie. Oh Menno, Melli! War unser… mein Hass wirklich so offensichtlich? Vielleicht hat sie ja recht. Ich werde schließlich nicht jünger, aber wie so ein Backfisch in den Laden zurückgehen? Melli mag sowas können, aber ich bin nicht Melli! Ausserdem habe ich nichts an Jonas Verhalten bemerkt. Was hätte es da zu merken geben sollen? Er hat mich bedient und fertig.

Nachdenklich gehe ich meinen Weg durch die Straßen zu meiner Wohnung.

Aber Mel liegt falsch. Natürlich kenne ich das Gefühl von eben, die aufsteigende Hitze, dieses flaue Gefühl im Magen. Und natürlich weiß ich, was Liebe ist, nein – sein sollte. Aber gerade Melli hatte mir damals Micha vor der Nase weggeschnappt und als ich damals nur mal eine männliche Freundschaft erwähnte hielt mein Vater wieder seine Rede von Jungs vor der Haustür und was er mit ihnen anstellen würde, „Kind! Warte auf den Richtigen!“, meinte er immer und so ist es dann auch geblieben.

Ich werfe die Haustürschlüssel auf die Kommode, schlüpfe aus meinen Schuhen und stelle die Einkäufe in der Küche ab. Dann öffne ich die Tüte und sortiere alles an seinen Platz. Die Tomaten bleiben draussen, der Joghurt kommt erst einmal in den Kühlschrank, die Eier in die Schale, das Fleischpaket… Ach die Wiener sollten kalt gestellt werden. Was soll ich denn bloß mit zwei Handvoll Wienern?

Also öffne ich das Fleischpaket und werfe noch einen flüchtigen Blick auf den Kassenzettel. Dort stand klein vermerkt: „Diner-4-2? LG Jonas“ und eine Handynummer! Das Gefühl stieg sofort wieder in mir hoch, wanderte erneut in meinen Schoss und male mir den Mann vor meinen Augen. Und ich war mir bewusst, da war diesmal keine Melli, kein Vater, der mich noch zurückhalten könnte, nur Jonas und ich!

„Danke Melli!“, denke ich gerade noch, als ich zum Handy greife, „Ich trau mich!“

 ENDE

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Geschützt: Nein!

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Geschützt: A Gift from God

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Bauers Freud, Wichtes Leid

Heco van Doune

Bauers Freud, Wichtes Leid

Hege lies das Pflänzlein wachsen, vom Sam zum Bäume. Jed Jahr ein Stückchen bäumlicher und schmacklicher die Frucht die zum Danke dem Heger gereicht. Dazu der Baume Schatten bot, der Bauer oft am Stamme dar verweilte nach getaner Feldestreibe. Im Dorfe das Bäuerlein bekannt bei jedem Kinde, versüssten seine Äpfel schon so manch trist Wege. Stolz in seiner Brust stand er Jahr für Jahr bewundernd vor dem Werke von Natur und Pfleg, den Großwuchse beäugend.

Doch wisset, ein jeder respektieret nicht des Bauern Fleiß. Dieses Jahres Tag kam ein Wichtel aus dem Unterholze, gradwegs auf das gereifte Bäumelein hinzu. Im Schatten bleibet er stehen, sprang drei Mal so hoch er wohl vermochte. Seine Arme, die Kleinen, ließen nur nach Luft ihn schnappen. Schnaubend ereiferte er sich zu dem selig schauenden Bäuerlein, trat ihm voll kräftens unters Beingelenke und ließ verlauten: „DU BIST SCHULD!“

Hochroten Kopfes sauste der Wicht zurück in das Geäst aus dem er kam. Der Bauer es wohl kaum bemerktet tat, griff nach einem Äpfelein rot und biss genüsslich darin ein. Selbstfried hinter den Zaune schauend, er jed Kind und Wicht teilhaben lassen möchte, dass Willens ist nach der Frucht ihn nur zu fragen.

Der Wicht aber, kehrte keines Jahres wieder. Wohl also dem der fraget!

ENDE

10. November 2003

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Das Ende – Der Anfang

„Das Ende“

Da erkannte ER plötzlich seine Andersartigkeit im Rückwärtslauf der Tage. Als die Bombe am Himmel schon silbern und befreiend zu sehen war schollt der Ruf: „Alle Gesunden in den Bunker links, alle Kranken in den Bunker rechts!“. ER aber blieb, ließ eine Träne ihren Weg zur Erde suchen und fragte mit geöffneten Armen: „Und ich? Wohin soll i…“ Warm durchflutete es IHN und er kannte die Antwort! Zu langsam, wie immer! Zu langsam!

Als der Schauer am Morgen zuvor vorbei war, öffneten sich die Tore! Einige Gesunde vermochten sich an IHN zu erinnern, als sie die verkohlte Erde betraten, doch sie waren sicher ER wäre im Bunker der Kranken gewesen. Auch bei den Kranken erinnerte man sich SEINER Existenz, aber niemand hatte den Mut die Gesunden nach IHM zu Fragen. Hat ER also je existiert? Und wenn ja, war ER dann je wichtig, als das man sich darum kümmerte, jetzt da der Supermarkt der Tage Montag bis Freitag nicht mehr im Angebot hatte, dem Sonntag vier weitere Sonntage vorangehen mussten in denen die Überlebenden wirklich mehr zu tun hatten, als sich IHM zu widmen? Nur wenige Minuten früher und ER verblasste allmählich aus dem Dunst der Freunde. Eine Woche früher und niemand erinnerte sich SEINER. Es begann das vergangene Jahr und ER hatte nie gelebt.

Noch weit in frühere Nächte hallt es durch die verbrannten Städte und bringt erste neue Gräser wieder zum vergilben: „…ohin soll ich?“ … „…hin .oll .ch?“… „in ..ll ..h? Die verlorene Stimme findet eine schlafende Hülle, und umarmt sie am Anbeginn der Morgendämmerung.

Eine junge Frau erwacht Wochen vorher, erschrickt sich und weckt am vergangenen Abend den Vater: „Ich höre Stimmen, Vater! Nacht für Tag bis zum vorigen Morgen, Tag um Tag. Die Zeit, Vater! Sie scheint falsch zu Laufen! Ich bin doch nicht krank, Vater?“ Wie von einer zukünftigen Erinnerung berührt nimmt der Vater sie in seine Arme und schaut tief in ihr und SEIN Auge!

„Der Anfang!“

Kay Fiedler

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Das Ü im Ü-Ei

Welch Schicksal hat mich ereilt? Ausgesperrt – Zerlegt – Allein im Dunkeln? Was habe ich denn verbrochen? Kaum dass mir bewusst wurde, dass ich mich auf einem Fließband befand und realisierte, ein Mini-Plastik-Bausatz für ein Happy-Hippo-Feuerwehrauto zu sein, fuhr ich in die nächste Fertigungsstrasse ein und es wurde wieder dunkel. Als das Außenlicht zurückkehrte, war alles um mich herum nur noch in einem unwirklichen grellen Gelb.

Neben mir lag eine Bauanleitung und es war plötzlich sehr eng. Ich kann nur erahnen was dann passierte, denn plötzlich roch es angenehm nach Schokolade. Fragt mich nicht, woher ich wusste wie Schokolade roch, ich wusste es einfach. Sehen konnte ich schließlich nichts mehr! Und an diesem Zustand sollte sich nun auch lange nichts mehr ändern. Ich wurde hin und wieder leicht geschüttelt, aber mein Gefühl für Zeit war einfach dahin.

In der Einsamkeit der Stunden und Wochen versuchte ich, mich mit der Bauanleitung zu unterhalten, aber da kam einfach nie eine Antwort, so sehr ich auch bemüht war. Es gab natürlich auch kaum Gesprächsthemen, schließlich konnte man sich schlecht über das Wetter unterhalten. Aber das war letztlich auch kein Grund gar nicht zu antworten. Alle Tage, wenn es denn Tage waren, probierte ich es mit einem „Ganz schön dunkel heute, nicht wahr? Ich meine dunkler als sonst, stimmt´s?“, aber das Ergebnis war immer gleich.

In meinem Leben war einfach noch nicht mehr passiert, als dass ich auf große Geschichten hätte zurückgreifen können. Ich hatte ja nicht einmal einen richtigen Namen. Aber einen Versuch war es wert: „Ich bin ein Original Ferrero Happy-Hippo-Feuerwehrauto™, aber du darfst mich Feuri nennen, wenn du magst!“ Es folgte nur Schweigen. Schließlich gab ich es auf. Minuten vergingen, wenn es denn Minuten waren.

Doch dann schien endlich wieder Bewegung in mein Leben zu kommen. Ich wurde heftigst gerüttelt, so dass meine Einzelteile nach draußen schreien wollten: „Ja doch! Ich bin ein Bausatz! Ich habe viele Einzelteile und jetzt bitte Schluss mit der Schüttelei!“ Ich wusste nicht mehr wo oben und unten war und fing an meine Teile durchzuzählen, nur um sicher zu gehen, dass keines meiner Teile in die Tiefe der Dunkelheit entkommen ist, dann hörte das Geschüttel auf. Ich zählte auch die Anleitung auf, aber wieder kam keine Antwort. Vielleicht hatte die Schüttelei ja auch nur die Anleitung fortgerissen. Dann wäre es auch kein Verlust gewesen, meine Teile waren jedenfalls alle noch da.

Als nächstes vernahm ich ein Knistern wie von einem kleinen Lagerfeuer. Na gut, vielleicht war es auch das Knistern von Alupapier, nur ich hatte schon so lange keine Geräusche mehr gehört, die so dicht an mich herankamen. Schließlich gab es ein Knacken und es wurde Licht. Da war es wieder, dieses unwirklich anmutende gelbe Licht, dass obwohl es da war keine Umgebung freigab. Da war nur ich und diese nichts aussagende Bauanleitung.

Da passierte es! Es gab ein weiteres Knacken und plötzlich durchflutete echtes original Sonnenlicht™ die durchknackten Schalenteile. Meine Einzelteile segelten ohne Halt auseinander, dem Boden entgegen. Ich sah einen menschlichen Jungen und einen älteren männlichen Menschen. Der Aufprall kam schnell und hart. Da lag ich also mitten auf dem Gartentisch, umringt von zwei Augenpaaren. Der Jüngere griff nach mir, aber der Ältere meinte, dass dort ein Fachmann ranmüsse, und nahm mich dem Jungen wieder ab. Der Junge maulte und schnappte sich die Bauanleitung, die den Älteren nicht zu interessieren schien.

Der Fortlauf der Bemühungen, mich zusammen zu bauen verlief wundersam. Zwischenzeitlich hatte ich hinten drei Achsen und vorne gar keine, dafür passten die Sitzplätze für die Feuerwehrleute auch prima auf das Dach. Schließlich gab der Ältere auf und meinte, er hätte jetzt wichtigeres zu tun, als sich mit einem Kinderspielzeug abzugeben. Er warf mich halb zerlegt, halb falsch zusammengebaut zurück auf den Tisch. Er stand vom Gartenstuhl auf und wandte sich dem Grill zu, auf dem zwei dicke Weißwürste brutzelten.
So richtig wohl fühlte ich mich nicht. Was war denn das nun für ein blödes Leben? Da hockt man nun ständig neben einem verschwiegenen Zettel, nur um dann misshandelt auf einem Tisch zu enden, noch dazu unvollendet. Der Junge schaute sich vorsichtig nach dem Älteren um, nur um sicher zu gehen, dass dieser wirklich nicht nach mir schaute und griff nach meinen Teilen. Geschickt setzte er mich korrekt zusammen, während er hin und wieder in die Bauanleitung schaute. Endlich war ich fertig, ein schmuckes kleines original Ferrero Happy-Hippo-Feuerwehrauto™. Da hatte ich der hochnäsigen Anleitung am Ende doch noch etwas zu verdanken.

Der Ältere saß immer noch mit dem Rücken zu uns gekehrt und versicherte dem Jungen, dass er sich dem Zusammenbauen sofort wieder zuwenden würde, sobald er Zeit finden würde. Ohne zu antworten fuhr der Kleine mit mir gerade eine besonders heiße Kurve, haarscharf an der Tischkante vorbei. Hätte der Kleine mich nicht festgehalten, wäre ich gnadenlos in die Tiefe gestürzt.

Als der Ältere bemerkte, dass sein Versprechen vergebens war, wirkte dieser etwas beleidigt. Aber das machte mir nichts mehr aus, ich war komplett und ich hatte einen Spielkameraden, mehr war nicht wichtig! Auch wenn ich es damals nicht erwartet hatte, aber es war bestimmt der schönste und bewegenste Tag in meinem Leben.

©2001 Kay Fiedler

Das Ü im Ü-Ei
Das Original zu dieser Geschichte!

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