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Nur noch schnell einkaufen

Nur noch schnell einkaufen. Viel brauche ich ja nicht – Eier, Milch, ein wenig Aufschnitt, vielleicht noch etwas Guthaben für den Appstore. Ach herrje! Was mach ich mir denn morgen zum Mittag? Worauf hat die Elisabeth, Tochter ihrer Mutter denn morgen Appetit? Hhhmm was zieh ich mir rein? Tortellini?

Über Reihen hinweg sehe ich das Angebot des Schlachters. Rindergulasch… Warum nicht? Für zwei Tage Essen und den Rest kann ich einfrieren. Also „auf, auf“, an die Fleischtheke.

Mist, ist die Schlange lang. Also doch Tortellini? Oh, ein neues Gesicht am Zerlegeplatz?! Das muss ein neuer Azubi sein. Aber schon gute Anlagen in den Armen. Hmm… nein, zuviel Pelz an den Armen, er kann unmöglich ein Azubi sein, aber allenfalls Geselle, oder frisch von der Meisterschule? Auf jeden Fall… irgendwie süß, nein – männlich! Aber auch süß!

„Ja, natürlich! 500 Gramm von dem Lendenfleisch?! Kein Problem, der Herr! Jonas, schneidest du mir das bitte eben?“

Ah, Jonas heisst der Gute. Die andere Stimme kenne ich nur zu gut. Schon in der Schulzeit nervte mich die Überweiblichkeit unseres Busenwunders Melanie. In kaum einer Sekunde rauschen die Bilder an mir vorbei. Ständig gab es Tratsch wegen ihr, weil sie mal wieder mit einem Jungen der höheren Klassen geschlafen haben soll. Auf der Endklassenfahrt in den Harz stellte sich raus, dass sie wohl mit fast allen Jungs aus der Klasse was hatte. Die eine Nacht hatte ich sie sogar mit zwei Jungs im Hochbett erwischt. Ja klar, sie spielten nur Karten, meinte sie. Total zerzaust, halbnackt zuckte sie hoch und die Jungs kicherten bei ihrer Aussage. Verdammte Klassenschlampe! Wenn es einen Grund gab, mich nicht mit Männern einzulassen, dann war Melli mit Sicherheit ein Grund dafür. Alle standen auf Melli, Melli hier, Melli da… Melli war für alle da! Jungs! Ich bin da anders erzogen worden, aber vermutlich war mein Vater der einzig wahrhaftige Mann, auf den meine Erziehung passte.

Wird die Schlange denn gar nicht kürzer? Melli hat sich kaum verändert. Okay, sie ist keine zwanzig mehr, aber mit fast vierzig käme sie auf diese Entfernung immer noch mit Mitte zwanzig durch. Oh Himmel, hat sie sich ihren Arbeitskittel selbst modifiziert? Die Brüste fallen fast raus und ich kann sogar die Oberschenkel beim Gehen aufblitzen sehen. Oh, Melli! Du bist so widerlich! Sooo…

Angewidert wende ich mich zu dem jungen Jonas, der jetzt direkt vor mir am Tresen arbeitet. Jemineh, sind seine Finger geschickt. Er legt das Lendenfleisch vor sich, scheint den Schnitt kurz abzuwägen und ohne Anzeichen von Gewalt gleitet sein Messer durch das zarte Fleisch, so dass es für mich einen Moment lang so aussieht, wie…! Er legt das Messer beiseite und fährt relativ langsam mit beiden Daumen die beiden Fleischhälften empor. Ein Schauer läuft mir über Rücken und Arme. Oh verdammtes Kopfkino! Der sieht aber auch gut aus!

„Hei Ella!“, höre ich Melli sagen, „Lange nicht mehr gesehen! Sind es schon… wenn nicht noch länger! Ach Schatz, du glaubst ja gar nicht wie ich mich freue dich zu sehen!“ Leicht irretiert löse ich meinen Blick von Jonas, dessen eng sitzendes weisses T-Shirt zwei Brustknospen deutlich abbildete. Wie gerne würde ich diese Zipfel mit meinem Speichel benetzen. Ella! Halt dich zurück! Dem Kälteschauer folgt nun ein warmes Gefühl im Kopf, aber auch in einem anderen Bereich meines Körpers.

„Oh Melli, Liebelein! Hab dich gar nicht bemerkt“, höre ich mich sagen und blicke sie möglichst überrascht an. „Du bist kein bisschen älter geworden. Wie machst du das bloß?“

Sie stellt sich als Antwort seitlich an Jonas und fährt mit einer Hand seinen Rücken herunter, „Ich halte mich an junge knackige Männer und verschwende keine Gedanken an Heirat und Familie! Und du? Verheiratet? Kinder?“ Mit einem kleinen Klaps auf seinen Hintern wartet sie auf meine Reaktion.

Verdammt! Sie muß gesehen haben, wie ich eben auf Jonas gegafft hatte. Diese Schlange! Am liebsten würde ich über den Tresen springen und ihr die Haare vom Kopf reißen!

 Nein! Hat sich irgendwie nicht ergeben. Arbeit, Arbeit! Hab ja nach der Schule noch studiert und arbeite seither in …“

„Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Melanie! Behalten Sie bitte Ihre Finger bei sich! Sonst muss ich doch mal mit dem Meister reden!“

Wow! Was für eine Stimme! Nichts Jugendliches darin, eine unerwartet raue Stimme, die mir noch einmal mehr in die Beine fuhr. Oh Bitte, nicht Melli und Jonas zusammen in meinem Kopf. Böses Kino! Böses!

Aber er weißt sie zurecht, das gefällt mir! Ich hätte vermutlich erst recht keine Chance bei Jonas, da auch ich zu alt für ihn wäre. Aber das diese alte Schrappnelle abblitzt, freut mich.

„Ach, stell dich nicht so an! Bedien mal lieber meine alte Schulfreundin Elisabeth! Sie steht auf dich!“ Bei diesen Worten bumpt sie ihren Hintern gegen den von Jonas und geht zu der nächsten wartenden Kundin.

Leicht verlegen wirkende Augen scheinen sich kurz ordnen zu müssen, ehe sie mich geradeheraus mustern, mich Jonas Gesicht schließlich anlächelt.

„Was darf es sein, gnädige Frau?“ Oh, du! Serviert auf einem Silbertablett, oder besser einmal Jonas in schummrigem Licht halbnackt vor dem glimmenden Kaminfeuer! Bitte! …

„Sag ruhig Ella zu ihr“, hören wir Melanie sagen, ohne sich von ihrer Kundin abzuwenden.

„Ähm… Ella? Was darf es sein?“, fragt Jonas mich mit durchdringenden Blick. Ella! Denk an deine Erziehung! Oh, er hat ja doch schon kleine Krähenfüsschen um die Augen. Doch gar nicht mehr so jung, der Bursche!

„Ich hätte gerne zwei Kilo von dem Rindergulasch!“. versuche ich fehlerfrei von den Lippen zu bekommen. „Und zwei Hände voll Jonasarsch!“, fügt Melli hinzu, wirft mir einen Luftkuss zu und verschwindet flink durch die Flügeltür im Kühlraum.

Miststück, denke ich bei mir und schließe kurz die Augen. Verdammtes Miststück!

„Verdammtes Miststück!“, höre ich Jonas murmeln, als ich die Augen wieder öffne. „Also, zwei Kilo!“ wiederholte Jonas und wog das Fleisch bereits ab, „sonst noch etwas?“

Dammich! Ella! Wenn nicht nicht hier und heute, dann nie. Zum Glück ist ausser mir und ihm niemand mehr in der Nähe des Tresens und das Melli-Miststück noch im Kühlraum.

„Vielleicht…“, ich fühle mich, als wäre alles Blut im Kopf, „doch tatsächlich…“, wurks, nun gab es kein zurück und das Blut teilte sich mit der Wärme zwischen meinen Schenkeln, „zwei Handvoll…“

Die Tür zum Kühlhaus geht ein wenig auf und ein breit grinsender Mellikopf schaut durch ein Bullauge der Stahltür. Sie lauscht! Sie lauscht und läßt mich auch noch wissen, dass sie es tut! Dieses Mistvieh! Wie ich sie hasse!

„…Wiener!“ beende ich meinen Satz! Die Tür schließt sich wieder und Melli scheint vergnügt ein Liedchen dahinter zu trällern, als hätte sie nie etwas anderes dahinter getan.

„Zwei Kilo Rind, zehn Wiener“, höre ich Jonas sagen, während er die Würstchen in eine Tüte gleiten lässt. „Darf es sonst noch etwas sein? …Ella?“ Und schon wieder sehe ich die fragenden Augen in die meinen blicken! Ella! Denk an Papas Erziehung! Keine Flirtereien! Keine Verkupplungen. Aber ich…

Papa hat Recht. Was soll das? Am Ende liegt nur ein schnaufender schwitzender Jonaskörper auf mir und ich soll doch auf den Prince of the universe warten. Aber wie lange noch, und wie erkenne ich ihn? Jonas ist wirklich… Wow!! Aber es darf nicht so billig sein! Anstand, Elli, Anstand!

„Nein, danke! Das wäre alles!“, lassen mich meine Lippen sagen. Jonas verpackt beide Sachen in eine große Tüte, schreibt das Etikett für die Kasse fertig und tackert es an die Tüte, ehe er mir das Packet rüberreicht. „Schönen Tag noch, Ella!“

Wie benommen verabschiede auch ich mich, gehe verloren durch die anderen Reihen bis zur Kasse. Oh Nein! Besser, ich mache nur kurze Schritte. Hoffentlich hält die Einlage noch bis zu Hause! Oh, was für ein Mann!

An der Kasse lege ich meine Einkäufe auf das Band, in Gedanken immer noch bei Jonas. Diese breiten Schultern, der sinnliche Unterkiefer, die raue Stimme. Einfach alles an ihm verfolgt mich in meinen Gedanken.

Die Kassiererin zieht die Ware über ihren Scanner. Bei dem Fleischpaket reisst sie den oberen Zettel ab, tippt den Bon direkt in die Kasse und legt das Paket lächelnd zurück auf das Förderband.

Als ich den Laden endlich verlasse, sehe ich Melanie abseits stehen und rauchen. Sie schaut auf das Treiben des Parkplatzes und winkt mich zu sich herüber, als sie mich ebenfalls bemerkt.

„Ella! Schätzchen! Und? Hast du ein Date mit Jonas klarmachen können?“ Bei diesen Worten wartet sie nicht einmal meine Antwort ab, sondern gafft bereits auf eine enge Jeans die über den Parkplatz schlendert. Sie bläßt ihren Rauch aus und starrt mich keck lächelnd an.

Okay. Das reicht! „Ach Liebelein! Es sind zum Glück nicht alle Frauen so gestrickt, wie du! Wenn ich gewollt hätte, hätte ich es auch getan! Ich bin erwachsen!“

„Ach ja? Bist du dass?“, fragt sie, hebt sich von der Wand ab, gegen die sie gelehnt stand und schnippt ihren Filter weg. „Dafür habe ich meinen Spaß! Denk mal drüber nach!“ Sie steigt gerade die Stiege zum Hintereingang der Fleischerei wieder hoch, da dreht sie sich noch einmal um: „Ella! Ich weiß, dass viele von euch anderen Mädchen in der Klasse mich nicht mochten. Na Und? Dafür lebe ich und nehme mir, was mir gefällt. Sicher habe ich dabei auch schon meinen Reiter hoch zu Ross durch die Finger gehen lassen. Aber wenn der Reitemax es nicht schafft mir meine Schranken zu weisen und mich an sich zu reissen, kann es wohl kaum der richtige Eine für das Mellimäuschen gewesen sein, oder? Für wen willst du dich aufsparen? Auch wenn ihr mich damals nicht mochtet, ich mag euch. Und das ist die Erziehung, die ich genossen habe: Liebe deine Nächsten! Ja, vielleicht nehme ich das manchmal zu wörtlich, aber ich habe keine Feinde. Mensch Elli! Geh wieder rein und schnapp dir den Bengel, oder hast du seine Reaktion auf dich nicht bemerkt?! Ciao, meine Kleine!“

Die Tür schloss sich hinter Melanie. Oh Menno, Melli! War unser… mein Hass wirklich so offensichtlich? Vielleicht hat sie ja recht. Ich werde schließlich nicht jünger, aber wie so ein Backfisch in den Laden zurückgehen? Melli mag sowas können, aber ich bin nicht Melli! Ausserdem habe ich nichts an Jonas Verhalten bemerkt. Was hätte es da zu merken geben sollen? Er hat mich bedient und fertig.

Nachdenklich gehe ich meinen Weg durch die Straßen zu meiner Wohnung.

Aber Mel liegt falsch. Natürlich kenne ich das Gefühl von eben, die aufsteigende Hitze, dieses flaue Gefühl im Magen. Und natürlich weiß ich, was Liebe ist, nein – sein sollte. Aber gerade Melli hatte mir damals Micha vor der Nase weggeschnappt und als ich damals nur mal eine männliche Freundschaft erwähnte hielt mein Vater wieder seine Rede von Jungs vor der Haustür und was er mit ihnen anstellen würde, „Kind! Warte auf den Richtigen!“, meinte er immer und so ist es dann auch geblieben.

Ich werfe die Haustürschlüssel auf die Kommode, schlüpfe aus meinen Schuhen und stelle die Einkäufe in der Küche ab. Dann öffne ich die Tüte und sortiere alles an seinen Platz. Die Tomaten bleiben draussen, der Joghurt kommt erst einmal in den Kühlschrank, die Eier in die Schale, das Fleischpaket… Ach die Wiener sollten kalt gestellt werden. Was soll ich denn bloß mit zwei Handvoll Wienern?

Also öffne ich das Fleischpaket und werfe noch einen flüchtigen Blick auf den Kassenzettel. Dort stand klein vermerkt: „Diner-4-2? LG Jonas“ und eine Handynummer! Das Gefühl stieg sofort wieder in mir hoch, wanderte erneut in meinen Schoss und male mir den Mann vor meinen Augen. Und ich war mir bewusst, da war diesmal keine Melli, kein Vater, der mich noch zurückhalten könnte, nur Jonas und ich!

„Danke Melli!“, denke ich gerade noch, als ich zum Handy greife, „Ich trau mich!“

 ENDE

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Weihnachten! (Wein-achten!)

Weihnachten!

(2001 / Überarbeitung 2011)

Na Klasse. Da war es also wieder! Weihnachten! Niemand hat gefragt, ob das so sein muss, viele hatten es befürchtet und nun passierte es also tatsächlich schon wieder.

Die eine Hälfte der Feierer verfiel in die Euphorie des Backens, Geschenke Kaufens und dem nahezu krankhaften Zwang extrem nett zu den Mitmenschen sein zu müssen, in der vergeblichen Hoffnung, damit alle Schnitzer des abgelaufenen Jahrgangs wieder wett machen zu können.

Die andere Hälfte, der zwanghaft in diese Zuckergussarie hineinexpedierten Menschenmasse, bekam beim Anblick von weißen Rauschebärten weniger ein leuchtendes Feuer in den Augen, als vielmehr wieder mal ein nervöses Zucken in den Feuerzeugfingern. Sie waren angenervt beim Herüberwehen kinderchorinzinierter Weihnachtstöne und hofften, dass alles möglichst schnell vorüber wäre.

Wahre Freude käme bei ihnen eigentlich erst auf, wenn der Kaufhaus-Klaus frontal vom Linienbus erwischt worden wäre, was ihnen vielleicht sogar mal ein zynisches „Hoo-Hoo“ entlockt hätte.

Was aber war mit dieser Zeit anzufangen, hin- und hergerissen zwischen Weihnachtslust und -frust? Ließ man sich einlullen, gab man sich der Gefahr preis, man glaubte wirklich noch an Weihnachtsmann und Osterhase und sei irgendwie gefangen in einer nicht wirklich realen Welt! Verweigerte man die Teilnahme, sah das aus wie Spaßverweigerung an einer staatlich und kirchlich genehmigten Ausschweifung! Wie verhielt man sich also richtig? Konnte man sich überhaupt richtig oder falsch verhalten?

Wenn sich die allein lebende Unbekannte aus dem siebten Stock, bar familiärer Anbindung und Beziehung, sich himmelhoch jauchzend zu Tode stürzte, könnte sie damit Familie Meier im Parterre sicher das Fest verderben, da sie plötzlich verdreht in der weihnachtlichen Außenbeleuchtung hinge.

Wenn der vom Kaufhaus angemietete Weihnachtsmann die Kinderchen tätschelte und nach ihren Wünschen fragte, mochte das innerhalb der rotweißen Brutzeit sicherlich in Ordnung sein, aber wenn er das auch in der restlichen Zeit im Jahr machen würde, wäre das sicher sehr verdächtig.

Aber nein, das tat er nicht. Zumindest hätte man ihn im Hochsommer nicht mit diesem Weihnachtsmann in Verbindung gebracht. Und ein guter Weihnachtsmann beschenkt keine Kinder im Sommer mit Süßigkeiten. Kinder, die das nicht beherzigen, leben gefährlich.

Was aber nicht heißen soll, dass man zum Weihnachtsmann ins Auto steigen darf, nur weil Weihnachten ist und er seine Geschenke angeblich noch aus selbigen holen müsste.

Aber so einer war dieser Klaus nicht. Dieser Klaus meinte es wirklich ehrlich mit dem Weihnachtsgruß und seiner Liebe zu den Kleinen. Er nahm seinen Job mit dem Kinderkopfstreicheln sehr ernst.

Dieser Weihnachtsmann tätschelte allerdings nicht nur die Kinder, sondern bevorzugt auch die Mütter, wenn sie seiner Idealvorstellung von Frau entsprachen, unzensiert, unantastbar, beinahe schon mit bodenloser Narrenfreiheit. Und letztendlich bekam er ja auch noch acht Euro die Stunde bezahlt für diesen netten Service. Nun ja, wie gesagt, er hatte „beinahe“ bodenlose Narrenfreiheit!

Nach einem Riesenknall fand man ihn mit Veilchen in der Dekoration liegend und die wütende Mutter zog ihr Kind von dem Kaufhaus weg. Die Filialleitung war nicht sonderlich begeistert von der freizügigen Arbeitseinstellung und verzichtete fortan auf die Mitarbeit dieses Weihnachtsmannes.

Am nächsten Tag wurde sein Job von einem mechanischen Weihnachtsmann übernommen in den die Eltern ein 50 Centstück einwerfen mussten, damit der Klausi anfing „HooHoo“ zu sagen und den Kindern mit der Plastikhand emotionslos durchs Haar zu streichen.

„Wassss??…“ – (rassel rassel) der Arm wurde bewegt –
„wünscht du …“ (rassel schepper) der Körper beugte sich vor –
„dirrr denn, meinnn …“

In diesem Moment stoppte die Animatronik und die Eltern wurden aufgefordert, auf dem abseits aufgestellten Terminal „Mädchen“ oder „Junge“ auszuwählen. Erst kurz darauf fing der Klaus wieder an sich zu bewegen und sein Programm fortzuführen.

(Rassel) „…Mädchennn?“

Das leicht verstörte Kind antwortete ungläubig, den Blick immer wieder zu den Eltern wendend. „Das sollte der Weihnachtsmann sein? Wirklich?“ Die Eltern hingegen lächelten einander Weihnachtsblind zu, froh dem Kinde den Glauben an den amerikanischen Konsumgott für nur 50 Cent erkauft zu haben.

Am darauffolgenden Tag kam ein gerade arbeitslos gewordener, vom Glühwein beeinträchtigter Mann mit lila Schimmer ums Auge in die kaufhäusliche Weihnachtsdeko, steckte 50 Cent in den Schlitz (versuchte es zumindest) und verprügelte die Animatronik.

Auf dem Eingabedisplay blinkte die Eingabeaufforderung „(M)ädchen/(J)unge?“, während der Angetrunkene neben den Resten des Klausis saß und mit sich und seiner Tat zufrieden ein Weihnachtsliedchen vor sich hin summte.

Erschreckte Eltern hielten ihren Kindern die Augen zu und eilten sich, schnell vom Ort fort zu kommen. Der Mann unterbrach sein Liedchen derweil nur zeitweise, um dem zerknautschten aber unablässig gutmütig drein lächelnden Gesicht des Mechano-Weihnachtsmannes neue Beulen zu verpassen.

Der betörende Nachduft von zwei vornächtlichen Flaschen Wein ließ an diesem Vormittag einfach nicht von der Frau aus dem siebten Stock ab. Hoffte sie nach jeder Straßenecke, den Duft endlich abgehängt zu haben, kräuselten sich die Nasen der Passanten und zeigten ihr das hoffnungslose Unterfangen. Hektisch und nervös schlich sie zwischen den Weihnachtskranken hindurch und hielt die Tränen nur schwer zurück.

„Allein! Wieder einmal!“, verfolgte sie ihr Gedanke. Sie war auf der Flucht, der Flucht vor Weihnachten, der Flucht vor all den Verrückten, den einander wärmenden und dümmlich einander Anlächelnden. Kurz, sie versuchte vergeblich, Weihnachten zu entkommen und Weihnachten versuchte ihr Unterfangen zu ignorieren. Da stolperte sie plötzlich und tauchte endgültig in der Masse der Kaufberauschten unter, ohne weitere sichtbare gesamtbildstörende Spuren zu hinterlassen.

Als sie eine halbe Stunde später um eine Häuserecke verschwand, trug sie die Überreste des mechanischen Plastikklauses unter dem Mantel versteckt. Der Weinduft wurde von einem erkalteten Glühweinduft verfolgt, welcher schließlich Richtung des Hochhauses führte, in dem sie wohnte.

Familie Meier war gerade damit beschäftigt, die Außenbeleuchtung in die große Gartentanne zu hängen und den gemeinsamen Hauseingang zu verweihnachtlichen. Schnell den Weihnachtsmann mit dem Mantel verdeckend und ein gequältes Lächeln aufsetzend, zog die Frau an ihren Nachbarn vorbei.

Herr Meier konnte sich gar nicht daran erinnern, den Glühweintrinker als Nachbarn zu haben, als dieser ebenfalls vergebens lächelnd bemüht und ein wenig schlingernd meterweit hinter der Frau her tigerte. Der Glühweintrinker blieb stehen und betrachtete unangenehm lange das Gesicht von Herrn Meier, dessen von der Kälte gerötete Nase und auch der lange grauweiße Bart ihn an irgendwen erinnerte.

Als ihm endlich einfiel wo er das Gesicht unterzubringen hatte, schaukelte er schwankenden aber bestimmten Schrittes auf Herrn Meier zu, die Hand im Mantel zur Faust geballt. Doch ehe er Herrn Meier die Geballte präsentieren konnte ertönte ein Pfiff aus dem Hauseingang. Wie so oft auf dem Weg hierher musste die Frau aus dem siebten Stock den lädierten Weihnachtsmann herausholen und ihn dem Glühweintrinker zeigen. Dieser wechselte daraufhin die angesteuerte Richtung und schlich wieder auf die Frau zu. So verschwand die Frau mit dem Kopf und dem Glühweintrinker im Hausflur und schließlich im Fahrstuhl. Herr Meier schaute dem seltsamen Gespann noch einen Moment lang kopfschüttelnd nach.

Es war für Familie Meier insgesamt ein recht ereignisloses Weihnachtsfest. Die Familie knabberte die leckeren selbst gebackenen Plätzchen, Gedichte wurden vorgetragen und die DVD mit den schönsten Disney-Spielfilmausschnitten wurde doppelt geschenkt.

Für die Stockwerke ober- und unterhalb des Siebten wurde es ein etwas unruhiges Fest, denn es landete glücklicherweise keine Frau im Garten der Meiers. Diese feierte stattdessen ein etwas anderes Weihnachtsfest bei dem so manche Eltern ihren Kindern auch die Augen zuhalten würden, wenn sie nur die Hände von den Ohren nehmen dürften!

In diesem Sinne! Frohes Fest!

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