{"id":92,"date":"2001-11-23T10:27:30","date_gmt":"2001-11-23T10:27:30","guid":{"rendered":"https:\/\/yakreldeif.wordpress.com\/?p=92"},"modified":"2015-04-20T16:06:19","modified_gmt":"2015-04-20T14:06:19","slug":"babalu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yakobo.de\/?p=92","title":{"rendered":"Babalu"},"content":{"rendered":"<p>Babalu. Ja, ich bin mir dessen bewusst. Es ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Babalu. Ich habe keine Ahnung warum, aber es schoss durch meinen Kopf. Eben gerade&#8230; Babalu. Ich bin mir sicher, dass es nicht von mir stammt, denn f\u00fcr ein gro\u00dfes Wort ist es zu wenig und f\u00fcr ein geistlich kreatives Wort so fr\u00fch am Morgen, noch vor dem ersten Kaffee, einfach zu genial. Babalu. Irgendwo steht auf dieser Welt ein Mann in Feinrippunterw\u00e4sche vor seinem Spiegel, kratzt sich den Rasierschaum mit der Klinge in Bahnen herunter und denkt bei sich \u201eMensch&#8230;, Babalu!!!\u201c Es gibt dieses Wort, da bin ich sicher. Es ist sicher ein Gru\u00df, so wie \u201eAloha\u201c, vielleicht dachte ich auch an Balu den B\u00e4ren, oder einen Barbaren namens Lou. Ich wei\u00df ja nicht mal, ob die Schreibweise korrekt ist! Schreibt man es m\u00f6glicherweise Babbalou?<\/p>\n<p>Als ich mich vor den leeren Bildschirm setzte, suchte ich nach dem universalen, dem einzigartigen, dem unumst\u00f6\u00dflichen Geistesblitz, der die Wei\u00dfe des Screens mit Worten beschmutzte ohne \u00fcberfl\u00fcssig zu erscheinen. Aber da war nichts. Da war kein Gedicht, keine Geschichte, kein Held, kein Aufh\u00e4nger, der es berechtigt h\u00e4tte, wildes Geklapper auf der Tastatur zu gestatten. Da war nur eins&#8230; Babalu!<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte Baba-Lou zum Helden meiner Geschichten machen, aber ich verletze damit sicher drei Copyrights und bekomme bei einem Funken von Erfolg Klagen in Millionenh\u00f6he. Babaluu&#8230;<br \/>\nErst jetzt wird es mir bewusst. Es muss ein gel\u00e4ufiges Wort sein, denn der interne Duden markiert es mir nicht als Fehler. Aber in welchem Dorf fernab meiner geistig vorstellbaren Reichweite sagte man Babalu? Jetzt, nach dem ersten Kaffee, erlangte diese Reichweite immerhin schon die Strecke von Uetersen nach Tornesch. Dann sind es immerhin schon um die drei Kilometer. Genauere Sch\u00e4tzungen steigen mit zunehmendem Koffeinspiegel. Auf jeden Fall bin ich mir derzeit nur dar\u00fcber sicher, dass dort noch mehr Orte um Tornesch existierten, welche auch nicht Babalu im Sprachschatz allmorgendlich einem z\u00fcnftig genuscheltem \u201eMoin Moin\u201c vorziehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Babalu! Es l\u00e4sst mich nicht los. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich mich als Kulturbanause outen und jemanden nach Babbaluu fragen. Ja, ich denke, dass lie\u00dfe sich machen. Aber was dann? Ein Raum voller Leute \u2013 Geplapper, gesch\u00e4ftiges Treiben, auf dem langen Wege bis zum Feierabend und dann diese Frage. Schweigen w\u00e4re die Folge. Eine Herde Bedauern ausdr\u00fcckender Mitarbeiter, einen Blick aufsetzend, wie dem von einem Gewehrschuss hochgeschreckter Rehe, w\u00fcrde mich treffen. Und der Blick spr\u00e4che B\u00e4nde! Er wei\u00df es nicht! Er wei\u00df tats\u00e4chlich nicht, was Babalu hei\u00dft. Selbst die Radiosprecherin w\u00fcrde inne halten und f\u00fcr einen Moment betroffen mitschweigen, mich aus dem Radio heraus mit offenem Mund anstarren.<\/p>\n<p>Panik ergreift mich. Der zweite Kaffee ist beinahe kalt, aber ich st\u00fcrze ihn in mich, um meine Fassung wieder zu erlangen. Kalter Kaffee ist besser als keiner. Wieso kann man nicht aufwachen und an irgendein Wort denken, das einem zutraulicher ist? Ich meine so ein allt\u00e4gliches Wort wie Fahrkartenkontrolleursgehilfe oder sowas, ein Konstrukt aus einfach aneinander gereihten Worten welche die Funktion des Wortes durch sich selbst erkl\u00e4rten. Die deutsche Sprache war darin doch eigentlich immer kreativ, es ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrgern m\u00f6glichst schwer zu machen. Nein, Babalu war sicherlich nicht deutsch.<\/p>\n<p>In einem kleinen italienischen Ort Namens Gantonierreada, steht ein Haus. Das morgendliche Sonnenlicht hat den Kampf mit der Fensterjalousie gewonnen und erflutet sich in den Raum dahinter, klettert das eiserne Bettgestell empor, die Bettdecke entlang, nur um den auf dem Kissen liegenden Kopf zu blenden und den Tag anzuk\u00fcndigen. Der K\u00f6rper reckt sich und gibt den Widerstand auf, sich der Sonne zu entziehen. Beine schwingen unter der Decke heraus und m\u00fcde erhebt sich der K\u00f6rper. Sich vergeblich nach der Decke streckend, gibt er schlie\u00dflich auf und wandert verloren durch das Zimmer. Innerlich unwach schaut er auf den noch gef\u00fcllten Schlafplatz neben seinem eigenen und denkt \u201eGutnmogn\u201c.<\/p>\n<p>Er wankelt weiter bis in die K\u00fcche und siegt schlie\u00dflich bei dem Versuch ein Fr\u00fchst\u00fcck aus Kornflakes und Milch zustande zu bringen. W\u00e4hrenddessen krauelt er sich immer wieder unter dem kratzigen Kinn und denkt \u00fcber das Wort nach. Wo auf dieser verdammten Welt sagt irgendwer zu irgendwem \u201eGutnmogn\u201c?<\/p>\n<p>Der Gedanke verl\u00e4sst den Raum, wandert durchs Zimmer, bis er den Weg zum Schlafraum gefunden hat. Er schaut noch kurz auf die Schlafende, ehe er durch das Fenster in den Garten fl\u00fcchtet. Mit der Geschwindigkeit eines Hollywood-Kameraeffektes entfernt sich der Gedanke von dem Haus, aus dem Dorf, aus Italien, bis er schlie\u00dflich in der d\u00fcnnen Luft der Stratosph\u00e4re beinahe vergl\u00fcht.<\/p>\n<p>Als der Gedanke bar jeglichen Inhaltes zur\u00fcck zur Erde plumpste, ergab sich ein Eindruck, als h\u00e4tte man die letzte Szene einfach noch einmal r\u00fcckw\u00e4rts gezeigt. Allerdings wanderte er nicht zur\u00fcck nach Gantonierreada, sondern zu seinem eigentlichen Ausgangspunkt, einem Gro\u00dfraumb\u00fcro in Tornesch. Er drehte sich eine zeitlang und suchte etwas. Schlie\u00dflich fand er mich und lie\u00df sich ersch\u00f6pft fallen.<\/p>\n<p>Inzwischen trinke ich den vierten Becher Kaffee und bin immer noch nicht schlauer, daf\u00fcr wach.<br \/>\nWach zu sein hei\u00dft, sich an viele Dinge erinnern zu k\u00f6nnen. Ich wusste wieder wie ich hei\u00dfe, wie ich hierher gelangt bin und warum ich \u00fcberhaupt hier war. Allerdings hie\u00df wach zu sein nicht, sich an Dinge zu erinnern, die man auch vorher nicht wusste. Der Vorteil an der F\u00fcllung des Geistes mit altem Wissen war, da\u00df jenes fl\u00fcchtige Wort endlich sein Versprechen einl\u00f6ste und verschwand. Ich fragte nicht mehr nach dem Woher, sondern akzeptierte mein Unwissen und verga\u00df es. Babb-irgendwas war fort, weggesp\u00fclt mit mehreren Bechern koffeinhaltigen Nasses.<\/p>\n<p>Dinge in meinem Kopf mit herum zu tragen, die sonst niemand brauchen konnte, war ja schon ziemlich normal. H\u00e4tte ich mich an das Babb-Dingsbums erinnern k\u00f6nnen, h\u00e4tte ich nun eine Geschichte anfangen k\u00f6nnen, aber da es von anderes Dingen einfach zur Seite gedr\u00e4ngt wurde, bis es keinen Platz mehr hatte und starb, musste ich diesmal auf das Niederschreiben einer Geschichte verzichten.<\/p>\n<p>Ich besann mich auf den Tag und dachte an eine kleine Melodie, die ich leise und immer wieder vor mich hinsummte. Irgendwoher kannte ich die Melodie doch, oder&#8230;???<\/p>\n<p>\u00a92001 Kay Fiedler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Babalu. Ja, ich bin mir dessen bewusst. Es ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Babalu. Ich habe keine Ahnung warum, aber es schoss durch meinen Kopf. Eben gerade&#8230; Babalu. 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