{"id":458,"date":"2002-05-17T11:17:37","date_gmt":"2002-05-17T11:17:37","guid":{"rendered":"http:\/\/yakreldeif.wordpress.com\/?p=458"},"modified":"2015-04-20T15:32:03","modified_gmt":"2015-04-20T13:32:03","slug":"niemand-ist-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yakobo.de\/?p=458","title":{"rendered":"Niemand ist schuld!"},"content":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df, ich wei\u00df. Niemand ist Schuld an meiner Situation. Alles ist nur ein ungl\u00fcckliches Zusammenfallen vieler Zuf\u00e4lle. Da niemand sonst Schuld haben kann, muss ich also selbst schuld sein. Aber mal ehrlich, wie viel Schuld habe ich mir zu Schulden kommen lassen, als dass es immer nur r\u00fcckw\u00e4rts oder zum Stillstand kommt, aber nie wieder irgendwo einmal nach vorne?<\/p>\n<p>1986, ein Jahr in dem ein \u00fcberdurchschnittlich guter Hauptsch\u00fcler seinen Abschluss in der Tasche hat und sich entschlie\u00dft weiterhin die Schule zu besuchen und seine mittlere Reife zu machen. Die 2 Jahre vergehen relativ schnell, wenn auch nicht ohne Tr\u00e4nen, denn jener junge Sch\u00fcler musste feststellen, dass einem die Zensuren eben nicht immer nur so zugeflogen kommen, wie noch auf der Hauptschule. Aber Mitte 1988 hielt er den Abschluss in den H\u00e4nden und konnte gut Lachen.<\/p>\n<p>Doch wie sollte es ab hier weiter gehen? Bei der Berufsberatung war man der Meinung, er solle erst einmal einen Beruf lernen, um einen Titel zu haben, danach k\u00f6nne er ja immer noch auf seinen Wunschberuf umlernen. Nur, Lehrstellen in Wunschberufen waren damals schon knapp und im Bereich EDV gab es Anno dazu mal wirklich nur den DV-Kaufmann, der aber in unserer Heimatgegend nirgends angeboten wurde. Also lie\u00df sich der junge Mann \u00fcberzeugen und bewarb sich auf Pl\u00e4tze die im Angebot lagen.<\/p>\n<p>Eine kleine Werkstatt wollte sich vergr\u00f6\u00dfern und brauchte daf\u00fcr noch einen Tresendienst. So unterschrieb der Junge einen Ausbildungsvertrag \u00fcber 3 Jahre zum B\u00fcrokaufmann. Niemand hatte ihm oder seinem k\u00fcnftigen Chef gesagt, dass er nur h\u00e4tte 2 Jahre lernen m\u00fcssen, auf Grund der Handelsschule.<\/p>\n<p>Nichts desto trotz machte die Arbeit oft Spa\u00df und der junge Mann f\u00fchlte sich geborgen und akzeptiert zwischen Chef und Kollegen. Leider blieb der gesch\u00e4ftliche Erfolg der Unternehmung aus und musste schlie\u00dflich nach 2 Jahren verkauft werden. Alle Auszubildenden wurden in die neue Firma \u00fcbernommen, mit einer Ausnahme! Der Junge durfte gehen, denn zwei B\u00fcrokaufmann-Auszubildende seien zuviel.<\/p>\n<p>So suchte er schlie\u00dflich nach jemanden, der ihm die M\u00f6glichkeit gab, das letzte Jahr abzuschlie\u00dfen. Er fand gl\u00fccklicherweise auch eine Firma. Trotz famili\u00e4rer Anbindung war die Atmosph\u00e4re aber eher k\u00fchl, denn hier wurde er zu den letzten Arbeiten herangezogen. Er musste Motorr\u00e4der bei Kunden abholen, Teileregale im H\u00fchnerstall aufbauen und M\u00fcll zur Verwertung bringen. Nichts war dem Chef recht, nichts hat ihn je mal zufrieden gestellt, alles ging ihm zu langsam. Sein Bed\u00fcrfnis war es den Jungen dazu zu bringen Autos zu verkaufen, so wie er es selbst tat. Aber der Junge wollte kein Pferdeh\u00e4ndler werden. Der K\u00f6rper wehrte sich allmorgendlich immer mehr. Der Junge wollte sich lieber eine Treppe runterst\u00fcrzen als die Hallen der Firma betreten zu m\u00fcssen, hoffte jeden Morgen auf einen Unfall.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich reagierte der K\u00f6rper und spielte den Jungen ins Aus. Nach der K\u00fcndigung und anschlie\u00dfendem Prozess vor der Schiedsstelle wurde dem Jungen gew\u00e4hrt seine Ausbildung \u00fcber den Schulweg zu beenden. Als er dann 1991 seinen Abschluss machte war es sicherlich ein Erfolg, aber wirklich greifbar war dieser nicht. Die psychische Krankheit hatte so sehr Besitz von dem K\u00f6rper ergriffen, dass er klinisch behandelt werden musste. Er musste f\u00fcr drei Monate in eine Spezialklinik, in der man ihn gut genug wieder aufbauen konnte, dass er seinen Lebensmut wieder neu fassen konnte.<\/p>\n<p>Als er von dort zur\u00fcckkam, hatte er endlich den Mut sich zu bewerben und auch beim Arbeitsamt nachzufragen, welche M\u00f6glichkeiten einer Umschulung es g\u00e4be, schlie\u00dflich hatte er den B\u00fcrokaufmann nur auf Gehei\u00df seines Beraters hin gelernt. Aber da sagte man ihm er h\u00e4tte B\u00fcrokaufmann gelernt und somit einen Beruf den er ausf\u00fchren k\u00f6nne. Leicht hinters Licht gef\u00fchrt machte er sich auf die Suche nach einer Stelle.<\/p>\n<p>1992 fand er nach einigen kleinen \u00dcberbr\u00fcckungsjobs auch eine Arbeit in der Buchhaltung einer gro\u00dfen Genossenschaft. Schnell fand er seine Kollegenfamilie, f\u00fchlte sich wohl und tat alles um sich aktiv an der Familie zu beteiligen. Auch beim Gehalt tat sich innerhalb weniger Jahre sehr viel, so dass er trotz seiner jungen Jahre verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut verdiente. 1995 wurde er schlie\u00dflich in den Betriebsrat gew\u00e4hlt und fand damit noch ein wenig mehr Sicherheit in seiner Person. Alles war sch\u00f6n! Aber was kam dann?<\/p>\n<p>Die Sehkraft lie\u00df immer weiter nach und legte sich nat\u00fcrlich immer weiter auf die Arbeitsgeschwindigkeit nieder. Nachdem schnell klar war, dass eine Brille nichts n\u00fctzen w\u00fcrde, musste er viel Zeit daf\u00fcr aufbringen nach Hamburg zu einer Spezialpraxis zu fahren, die ihm Kontaktlinsen anpassen sollten. Die Vertr\u00e4glichkeit der Linsen besserte sich im Laufe der Zeit aber nicht, so dass ein dauerhaftes Tragen der Linsen nicht m\u00f6glich war. Zeitgleich steigerten sich die Ausf\u00e4lle durch Migr\u00e4ne.<\/p>\n<p>Letztlich beriet ihn ein Augenarzt, dass man dieses Dilemma am ehesten durch eine Hornhautverpflanzung in den Griff bekommen k\u00f6nne. Als der OP-Termin pl\u00f6tzlich fest stand war die Welt immer noch in Ordnung. Nie h\u00e4tte der Twen gedacht, dass sich alles ab hier nur noch nach unten entwickeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die OP verlief sehr zur Zufriedenheit der \u00c4rzte und nach einer Woche war der Junge auch wieder zu Hause. Was ab hier folgte, war eine Menge Pflege und Ruhe, vier Wochen im Schnitt, wie man ihm sagte. Aber dann entz\u00fcndete sich die Nahtstelle und am Implantat musste zweimal nachoperiert werden. Der Faden verzog sich und damit das Implantat selbst.<\/p>\n<p>Die Firma wartete derweil immer noch auf seine R\u00fcckkehr, aber der Ein\u00e4ugige konnte dazu nichts sagen, denn er wurde immer weiter krankgeschrieben. Schlie\u00dflich stellten die \u00c4rzte fest, dass man die Hornhautverkr\u00fcmmung die nun vorlag nur durch Kontaktlinsen oder erneute Transplantation bezwingen k\u00f6nne. Da eine weitere OP auf Grund der Komplikationen weder f\u00fcr die \u00c4rzte noch f\u00fcr den Piraten in Frage kamen, probierte er es noch einmal mit Kontaktlinsen. Aber wie zu Erwarten, gew\u00f6hnte sich der K\u00f6rper nicht an die Linsen.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte die Firma dem Piraten schon zweimal den Ausschied aus der Firma angeboten, aber er wollte seine Firmenfamilie nicht verlassen. 1998 schlie\u00dflich waren 2 Jahre vor\u00fcber und die Krankenkasse steuerte den Jungen aus, gleich ob eine Bef\u00e4higung zum Arbeiten vorlag, oder nicht. Der junge Mann war pl\u00f6tzlich in einer misslichen Lage, denn die Firma sagte ihm, dass sein Arbeitsplatz bereits wegrationalisiert worden w\u00e4re und er von daher die Wahl h\u00e4tte: \u201eEntweder Sie nehmen unsere Abfindung an, oder wir setzten Sie an einen Arbeitsplatz an dem Sie mit Sicherheit versagen werden! Und dann wird es keine Abfindung geben!\u201c<\/p>\n<p>Traurig willigte der Ein\u00e4ugige ein, denn er wusste dass man ihm keine Chance lie\u00df. Eine Chance lie\u00df ihm auch das Arbeitsamt nicht, denn dort hatte man Vorschriften f\u00fcr Abfindungen, so kam erst einmal die unabwendbare Sperrzeit von 3 Monaten.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df seines Augenlichtes und seines ebenfalls angeschlagenen Geh\u00f6rs versuchte der Mann nun einen Behindertenstatus zu bekommen. Dieser Antrag wurde abgelehnt, denn der Mann m\u00fcsse auf einem Auge mindestens ganz blind sein, um ausreichend behindert zu sein. Im Hintergrund schoben die BfA und das Arbeitsamt die Verantwortung f\u00fcr den Mann hin und her. Der Pirat hatte niemanden, der sich f\u00fcr seine Person zust\u00e4ndig f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Als Monate sp\u00e4ter endlich die Verantwortlichkeit gekl\u00e4rt war, bedauerte das Arbeitsamt, dass es f\u00fcr den Mann keine Ma\u00dfnahmen der ReHa in Richtung Umschulung g\u00e4be, da Augenge \u2013 und behinderte nur noch zum B\u00fcrokaufmann umgeschult werden w\u00fcrden, er diesen Beruf aber schon erlernt h\u00e4tte. Andere augenschonendere Berufe gab es anscheinend nicht. Einzig machbar w\u00e4re die Verf\u00fcgbarkeit von Sichthilfen an einem vertraglich nicht begrenzten Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Ein zus\u00e4tzliches finanzielles Dilemma ergab sich aus der Tatsache, dass der Ein\u00e4ugige schon die letzten 2 Jahre nur Krankengeld bekam. Bei der Ausrechnung des Arbeitslosengeldes wurde nicht sein ehemaliges Gehalt herangezogen, sondern eben nur das Krankengeld. Er bekam somit nur noch einen Teil des Teils.<\/p>\n<p>Wieder stand der Mann da und f\u00fchlte sich von jeglicher Hilfe verlassen, resignierte gegen\u00fcber aller Verwaltungen und \u00c4rzten und bewarb sich schulterzuckend f\u00fcr alle m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Jobs, um sich selbst wenigstens auch zu beweisen, kein Behinderter zu sein, denn schlie\u00dflich behaupteten dies alle anderen Stellen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre 1999 bis 2000 arbeite der Mann bei vier unterschiedlichen Zeitarbeitsfirmen. Bei allen f\u00fchrten die h\u00e4ufigen Ausf\u00e4lle durch Migr\u00e4ne und damit in Verbindung zu sehenden Krankheiten zu einem fr\u00fchen aus.<\/p>\n<p>Wieder ging der Mann zum Arbeitsamt und versuchte klar zu vermitteln, dass er nicht die Schwierigkeit darin s\u00e4he einen Job zu finden, sondern diesen auf Dauer zu halten. Immer noch gab es keine Alternative als die Arbeitsmittel bei Jobfindung.<\/p>\n<p>Auch die Eltern machten sich inzwischen Sorgen und rieten ihrem Piraten zu einer\u00a0 selbst finanzierten Fortbildung in einen anderen Berufszweig. Der Mann sah wieder Licht am Horizont und brachte trotz aller Fehlschl\u00e4ge im privaten Bereich genug Energie auf, um den Kursus durchzuziehen. Im Mai 2001 hatte er sich zumindest schulisch wieder einmal durchgesetzt. Er hatte nun eine Zertifizierung zur IT-Fachkraft im Netzwerkmanagement, einem Beruf in einem Bereich in dem er schon als Jugendlicher arbeiten wollte.<\/p>\n<p>Beschwingt von dem Schulerfolg bewarb sich der Pirat bei vielen Firmen, aber so richtig anbei\u00dfen wollte niemand. Das das Arbeitslosengeld nicht zum Leben reicht, hat schon seinen Zweck, das merkte auch der Ein\u00e4ugige immer mehr, von Monat zu Monat machte sich das finanzielle Loch bemerkbarer.<\/p>\n<p>Und wieder erfragte sich der Mann, diesmal etwas bestimmter und fordernder auftretend, beim Arbeitsamt um alternative Umschulungen, Weiterbildungen oder m\u00f6gliche Stellen f\u00fcr Augengesch\u00e4digte. Diesmal wurde ein \u00e4rztliches Gutachten erstellt, welches den Ratschlag beinhaltete ihn nicht wieder im B\u00fcro einzusetzen, sondern ihn Lagerarbeiten oder vergleichbar einfache Arbeiten zukommen zu lassen. Unzufrieden mit dem Ergebnis einigte er sich mit seinem ReHa-Berater, dass er trotzdem weiter nach einer Anstellung in dem Bereich suchen sollte, f\u00fcr den er nun ja gerade erst viel Geld investiert hat.<\/p>\n<p>Um trotz der Arbeitssuche wenigstens ein paar Mark mehr verdienen zu k\u00f6nnen, auch um sich selbst beweisen zu k\u00f6nnen, dass er auch wirklich arbeiten k\u00f6nne, kein fauler Sack sei, bewarb er sich abermals bei einer Zeitarbeitsfirma und wurde zeitlich auf einen Auftrag begrenzt eingestellt.<\/p>\n<p>H\u00e4tte er auch nur geahnt welche Folgen sein Versuch haben w\u00fcrde, niemandem auf der Tasche zu liegen, er h\u00e4tte die H\u00e4nde besser in den Scho\u00df gelegt! Warum ich das hier alles schreibe? Der Pirat bin ich&#8230;<\/p>\n<p>Bei allen Meldungen zur Arbeitslosigkeit hatte ich ausreichend finanzielle Mittel um den Bescheid abwarten zu k\u00f6nnen. Im Regelfall dauerte es um die 4 Wochen, bis ich dann den Bescheid hatte. Eine zumutbare Zeit, wie ich finde, schlie\u00dflich wartet man auch einen Monat auf sein Gehalt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr einen Tanz ich aber seit meiner letzten Arbeitsphase mitmachen musste sucht ihresgleichen. Der Arbeitsvertrag war von vorne herein auf das Weihnachtsgesch\u00e4ft der Hawesko beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Eine zweimonatige Aussetzung des Arbeitslosengeldes hat keinerlei Auswirkungen auf H\u00f6he und Art des Anspruches. Trotzdem musste ich ab erneuter Antragsstellung von Dezember 2001 bis Anfang M\u00e4rz warten, ehe ich einen neuen Bescheid bekam. Das bisschen mehr Geld, dass ich mir durch die Arbeit erwirtschaftet hatte, konnte die drei Monate ohne Geld nat\u00fcrlich nicht auffangen!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner zwei Monate Arbeit habe ich dem Amt f\u00fcr Wohngeld bewusst nicht Bescheid gegeben. Dies geschah nicht um mich an nicht zustehendem Geld zu bereichern, sondern aus der Notlage heraus, dass ich ohne das Geld die Miete nicht h\u00e4tte ausgleichen k\u00f6nnen. Die Zeit-Arbeitgeber zahlen immer erst zur Mitte des Folgemonats. Ich war mir dar\u00fcber im Klaren, das mir dieses zuviel gezahlte Geld mit dem neuen Anspruch ab wieder Arbeitsloswerdung ab Ende Dezember gegengerechnet w\u00fcrde. Soweit so gut. Ich will mich an niemandem bereichern und schlie\u00dflich hatte ich die Leistung ja schon vorweg erhalten.<\/p>\n<p>Zur Neuberechnung des Wohngeldes allerdings br\u00e4uchte das Amt den Bescheid des Arbeitsamtes. Da dieser nicht vorlag konnte weder eine Gegenrechnung noch eine Wiederaufnahme des Wohngeldes stattfinden.<\/p>\n<p>Ende Februar 2002 passierte das Erhoffte. Ich hatte endlich ein Bewerbungsgespr\u00e4ch. Allerdings gen\u00fcgte mein Abschluss nicht den Erwartungen des Unternehmens. Aber Sie vermittelten mich weiter an eine Tochterfirma, die gerade im Aufbau eines neuen Konzeptes stand. Allerdings erforderte die Arbeit von mir, dass ich mich Selbstst\u00e4ndig machen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df mich beim Arbeitsamt bez\u00fcglich \u00dcberbr\u00fcckungsgeld beraten und nahm auch den rat an, das Konzept und den Partnervertrag durch einen unparteiischen Sachverst\u00e4ndigen, z.B. der IHK pr\u00fcfen zu lassen. Mein Arbeitsvermittler war aber nicht bereit mir den Blankoantrag auszuh\u00e4ndigen, ehe er keine definitive Aussage machen k\u00f6nne, wann ich meine T\u00e4tigkeit aufnehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bei der IHK konnte man ohne den Antrag auf \u00dcberbr\u00fcckungsgeld allerdings wenig anfangen. Also ging ich erneut zum Arbeitsamt und einigte mich mit dem Vermittler auf einen Starttermin meiner Selbstst\u00e4ndigkeit und bekam dann auch den Antrag, ein relativ unbedeutendes leeres Papier aus dem weder Anspruch noch sonst irgendetwas Rechtliches hervorging. Aber hierzu musste ich mich schon mal selbstst\u00e4ndig melden. Mein Anspruch auf Arbeitslosengeld erlosch somit zum 18.03.2002.<\/p>\n<p>Um mein privates Konto nicht zu belasten, wollte ich ein gesondertes Gesch\u00e4ftskonto einrichten. Der Sachbearbeiter wies mich auf die unn\u00f6tigen Mehrkosten eines Sonderkontos hin und meinte, dass ich dies als Vollkaufmann nicht br\u00e4uchte. Er stellte darauf hin mein Girokonto auf gesch\u00e4ftlich um und strich mir dabei auch gleich meinen Dispo, den ich bis dahin leider schon fast jeden Monat voll aussch\u00f6pfen musste. Das war mir zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht bewusst und sollte mir wenig sp\u00e4ter eine neue \u00dcberraschung bescheren.<\/p>\n<p>Nachdem ich der IHK den Antrag zugestellt hatte, brauchte diese unerwartet lange f\u00fcr die Pr\u00fcfung. Einerseits war ich froh dar\u00fcber, denn der Pr\u00fcfer hatte Fragen an den Franchise-Partner auf die ich selbst nicht gekommen w\u00e4re. Allerdings verz\u00f6gerte sich der Vorgang durch diesen Prozess um weitere Wochen, so dass der Antrag seitens der IHK erst Anfang April zur\u00fcck ans Arbeitsamt geschickt wurde.<\/p>\n<p>Mein Franchisepartner war seit der Vertragsunterzeichnung Ende Februar darum bem\u00fcht eine Bank zu finden, die mein Unternehmen finanziert. Allerdings hatten sie es bis Anfang April immer noch nicht geschafft. Obwohl ich schon im Vorwege gesagt hatte, dass ich keine Aussicht auf Erfolg bei meiner Hausbank s\u00e4he, lie\u00df ich mich dazu \u00fcberreden, doch einen Versuch zu starten.<\/p>\n<p>Um die Finanzierungssumme so gering wie m\u00f6glich zu halten, rechneten meine Franchisegeber den Businessplan erneut durch und kamen von den zuerst ben\u00f6tigten 16.000 Euro auf sogar nur 12.000 Euro, da wir auf viele eigentlich ab der ersten Stunde gedachten Anschaffungen erst einmal verzichten wollten. Die Bank gab zu verstehen, dass an einem Unternehmen mit einem Kapitalbedarf von unter 50.000 Euro nichts zu verdienen sei und sie daher eine Finanzierung ablehne.<\/p>\n<p>Erst jetzt fiel mir auf, dass mir der Dispo fehlte. Gegen Ende des gleichen Monats war mein Bescheid f\u00fcr Dezember auch endlich da. Das Geld reichte gerade so f\u00fcr den Ausgleich meines Bankkontos. Als ich neue \u00dcberweisungen abgeben wollte, fragte man mich, wann der Ausgleich stattfinden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mein Bankmann wies mich darauf hin, dass der Dispo ein Vorschuss auf zu erwartendes Gehalt sei, ich als Selbstst\u00e4ndiger aber ja \u00fcber kein Gehalt verf\u00fcge. Einen Betriebsmittelkredit k\u00f6nne er allerdings nur gegen Vorlage der Bilanzen aus mindestens drei Vorjahren bearbeiten. Mit einem freundlichen L\u00e4cheln verabschiedete er mich. Ich habe mir bei meiner Hausbank nie etwas zu Schulden kommen lassen, habe in den Jahren zwei Kredite brav abbezahlt, zwei Baussparvertr\u00e4ge \u00fcber sie abgeschlossen, habe das Konto schon seit \u00fcber f\u00fcnfzehn Jahren. Aber all dies z\u00e4hlte jetzt nichts, man lie\u00df mich h\u00e4ngen!<\/p>\n<p>Ich hatte sehr viel Hoffnung in die Selbstst\u00e4ndigkeit gelegt! Aber der Traum zerplatzte, bevor ich \u00fcberhaupt die Gelegenheit bekam mitzumischen. Ich konnte mangels Masse keine Werbung schalten, geschweige denn sonst irgendwelchen privaten oder gesch\u00e4ftlichen Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Auftr\u00e4ge blieben mangels der Werbung nat\u00fcrlich aus.<\/p>\n<p>Seitens des Arbeitsamtes kam bis zuletzt keine Stellungnahme zum \u00dcberbr\u00fcckungsgeld, sondern nur die lapidare Auskunft der Antrag sei in Bearbeitung, wie lange noch k\u00f6nne man nicht sagen. Das letzte Bargeld das ich zu sehen bekam war Ende Januar, als ich meine letzte Gehaltzahlung bekam. Bis Mitte Februar konnte ich meine K\u00fcchenvorr\u00e4te aufbrauchen. Seither \u00fcberlebe ich von dem, was mir Freunde und Verwandte stellen. Dennoch stellt sich die Frage der Ern\u00e4hrung seit Mitte M\u00e4rz t\u00e4glich neu.<\/p>\n<p>Ich hatte noch nicht aufgegeben, aber mein Hunger und die Gesamtsituation, die hier hoffe ich auch klar wird, machten mich t\u00e4glich etwas missmutiger und zittriger. Als ich dann endlich einen Auftrag hatte, war ich derart unter Leistungsdruck, dass ich am einfachsten Problem scheiterte. Ich konnte dem Kunden unm\u00f6glich meine Ohnmacht in Rechnung stellen und zog mich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch wenn mir meine Franchise-Partner sehr entgegen kamen, war ich mir bewusst dar\u00fcber, dass sie irgendwann auch ihre zur\u00fcckgestellten Forderungen gegen mich haben wollten. Selbst wenn eine Finanzierung Ende April noch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, h\u00e4tten die ausstehenden Monate Franchisegeb\u00fchr den Kredit fast vollst\u00e4ndig verschlungen. F\u00fcr Werbung und die k\u00fcnftigen Monate w\u00e4re nichts mehr \u00fcbrig. Aus Hunger und Frust heraus meldete ich mich Mitte April wieder arbeitslos, gab mein Gewerbe auf und informierte meine Partner.<\/p>\n<p>Diese verstanden mein Problem und l\u00f6sten zu Ende April den Vertrag mit mir und erlie\u00dfen mir alle Verbindlichkeiten mit Ausnahme meines Materialverbrauchs. Dies erspart mir immerhin zus\u00e4tzliche 11.500 \u20ac Schulden. Trotzdem bleiben mir immer noch offene Rechnungen und Mieten im Wert von 2.800 \u20ac. Bargeld ist seit Februar, wie beschrieben, keines mehr geflossen.<\/p>\n<p>n meiner Not lie\u00df ich mich bei der Diakonie beraten und versuchte nun vom Arbeitsamt eine Best\u00e4tigung f\u00fcr das Sozialamt geben zu lassen. Mit dem Ausdruck begab ich mich zum Sozialamt um dort einen Vorschuss zur \u00dcberbr\u00fcckung zu bekommen..<\/p>\n<p>Nach Pr\u00fcfung meiner Verm\u00f6genswerte kam man zu dem Schluss, dass ich zu verm\u00f6gend sei, um Anspruch zu haben. Ich h\u00e4tte noch zwei Kapitalversicherungen die \u00fcber dem Satz liegen. Ich m\u00fcsse diese aufl\u00f6sen und verleben, bevor ich Anrecht auf Sozialhilfe h\u00e4tte. Ich k\u00f6nne auch die Versicherungen nutzen, um mir einen kurzfristigen Kredit von meiner Bank geben zu lassen.<\/p>\n<p>Ich hatte den Jugendschutzbrief 1988 mit dem Endalter passend zur Rente abgeschlossen, als Vorsorge die damals schon abzusehen war. Der Rentenfond kam 1995 hinzu, da ich auf Grund meiner Gesundheit die Kapitalversicherung nicht mehr erh\u00f6hen konnte. Seit nunmehr drei Jahren liegen beide Vertr\u00e4ge brach und ich bezahle schon nur noch einen monatlichen Minderbetrag, um das angesparte Geld nicht zu verlieren. Aber resigniert \u00fcber die Situation forderte ich meine Versicherung auf die Vertr\u00e4ge aufzul\u00f6sen, bzw. mir eine Alternative zu nennen.<\/p>\n<p>Die Versicherung beriet mich dahingehend, dass die Arbeits\u00e4mter und Sozial\u00e4mter angehalten sind, nicht an die Altersvorsorgen der Bed\u00fcrftigen zu gehen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen klar, schlie\u00dflich z\u00fcchteten sich damit die \u00c4mter nur noch mehr Anspruch f\u00fcrs Alter, obwohl die Renten aus der Versicherung einen gro\u00dfen Teil abdecken k\u00f6nnten f\u00fcr den der Staat nicht aufkommen m\u00fcsse. Sie faxten mir auch noch entsprechende Gerichtsurteile und\u00a0 Zeitungsberichte.<\/p>\n<p>Mit neuem Mut ging ich zum Amt, aber da wiederholte man die Aussage, dass ich \u00fcber dem Satz l\u00e4ge und das die Versicherung nicht \u00fcber die Bewilligung von Sozialgeld entscheiden k\u00f6nne. Nat\u00fcrlich hat die Sachbearbeiterin des Amtes da Recht, dennoch habe ich damit immer noch keine brauchbare Hilfe bekommen.<\/p>\n<p>Zum Abschluss des Gespr\u00e4ches sagte mir die Beamtin dann aber noch, dass auch das Arbeitsamt Vorschussverpflichtet sei, wenn ein Antrag l\u00e4nger in Bearbeitung bliebe. Also ging ich wieder zur\u00fcck zum Arbeitsamt, inzwischen mit einer geballten Wut im Bauch.<\/p>\n<p>Des weiteren wollte ich eine Verl\u00e4ngerung f\u00fcr die Aufhebung der GEZ-Geb\u00fchren und mich auch um das Wohngeld k\u00fcmmern, damit wenigstens ein wenig Entlastung da w\u00e4re, aber f\u00fcr beide Stellen ben\u00f6tigte ich ebenfalls den Bescheid des Arbeitsamtes, der ja immer noch nicht vorlag. So drehte ich mich also wieder im Kreis und ging wieder zur\u00fcck zum Arbeitsamt.<\/p>\n<p>Ich sagte der Beamtin des Arbeitsamtes das mich das Sozialamt zur\u00fcck verwiesen h\u00e4tte und ich mir auch vom Arbeitsamt einen Vorschuss geben lassen k\u00f6nne. Aus ihren Unterlagen konnte sie entnehmen, dass mein Antrag auf Arbeitslosengeld erst von Mitte April war und sie k\u00f6nne mich auf Grund dessen nicht bevorzugen, da die Wartezeit f\u00fcr den Bescheid derzeit (immer noch!!) bei 3 Monaten l\u00e4ge und andere auch auf ihr Geld warten w\u00fcrden. F\u00fcr den Anspruch aus dem Antrag auf \u00dcberbr\u00fcckungsgeld sei sie nicht zust\u00e4ndig, da es Angelegenheit der Arbeitsvermittlung sei, eine Entscheidung sei nicht im System und die Vermittlung sei an dem Tage auch nicht mehr zu erreichen. Sie wolle aber in der n\u00e4chsten Woche beim Sozialamt anrufen und versuchen eine Kl\u00e4rung zu erzielen, so dass ich mir ggf. am Dienstag der Folgewoche einen Scheck abholen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Trotz diesem anscheinlichen Einsehen ahne ich, welche Summe dieser Scheck allenfalls deckt. Er wird maximal die Zeit abdecken seit der erneuten Arbeitslosmeldung. Inzwischen ist Anfang Mai und ich bin schon zwei Monatsmieten im R\u00fcckstand, der K\u00fchlschrank ist seit Ende Februar leer und ich h\u00e4tte mich schon l\u00e4ngst intensiver um Arbeit k\u00fcmmern k\u00f6nnen, wenn ich nicht seit Monaten wie ein Spielball erfolglos zwischen den \u00c4mtern hin- und herlaufen m\u00fcsste, ja \u2013 \u00fcberhaupt die n\u00f6tigsten Mittel dazu h\u00e4tte mich bei Firmen zu bewerben.<\/p>\n<p>Ich habe mich all die Jahre dagegen gewehrt soziale Gelder in Anspruch nehmen zu m\u00fcssen. Ich habe mir auch in den Jahren in denen ich gearbeitet habe keinen richtigen Urlaub geleistet, kaum Geld in Garderobe gesteckt, allerh\u00f6chstens mal in die Reparatur des unerl\u00e4sslichen Pkws. Inzwischen steht selbst dieser still, da ich mir den n\u00f6tigen \u00d6lwechsel und die Versicherung erst recht nicht mehr leisten kann. Wohnte ich in einer Metropole wie Hamburg w\u00e4re der Verlust des Pkws sicherlich versschmerzlich aber ich versuche hier am \u201e\u00dcterst End\u201c zu \u00fcberleben. Aber auch der Verkauf des Pkws selbst w\u00fcrde keine L\u00fccke schlie\u00dfen, da er schon \u00fcber 11 Jahre alt ist und diverse Sch\u00f6nheitsmacken hat.<\/p>\n<p>Meine Klamotten l\u00f6sen sich immer weiter auf, ich habe kaum noch etwas was mir passt, lebe seit \u00fcber zwei Monaten von Almosen, habe nicht einmal mehr das absolut Lebensnotwendigste und soll nun auch noch die Altersvorsorge und zwangsl\u00e4ufig mein Fortbewegungsmittel aufgeben, da ich dadurch zu verm\u00f6gend bin. Der R\u00fcckkauf der Versicherungen w\u00fcrde die aufgelaufenen Schulden tilgen und mich vielleicht sogar noch einen Monat l\u00e4nger \u00fcber Wasser halten. Aber sp\u00e4testens dann m\u00fcsste ich mich beim Sozialamt erneut anstellen.<\/p>\n<p>Warum ich das hier alles aufschreibe? Nun, mit Sicherheit nicht, um Ihnen etwas vorzuweinen, meiner Einstellung entsprechend weine ich nicht, sondern versuche es nur noch mit Humor zu nehmen, auch wenn es inzwischen ein sehr kaltes L\u00e4cheln geworden ist. Aufgrund meiner Ratlosigkeit stand ich die Jahre schon des \u00d6fteren am Balkon, habe mich aber nicht getraut zu springen. Irgendwo h\u00e4nge ich schon noch am Leben und denke, dass es auch diesmal einen besseren Weg geben muss. Aber wenn ich mir meine Entwicklung, meine letzten Einbr\u00fcche so beschaue, habe ich immer mehr Angst davor, nicht mir, sondern anderen, die im Grunde nur ihre Pflicht erf\u00fcllen, nach Handbuch arbeiten, oder vielleicht auch gar nichts mit mir zu tun haben, k\u00f6rperlich anzugreifen. Ich gehe schon mit Wut durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone und bin kurz vorm Platzen, wenn Leute ausgelassen Lachen, gleich ob sie mich meinen oder, was nat\u00fcrlich eher wahrscheinlich ist, einfach nur so lachen. Ich sehe mich zunehmend als eine Gefahr f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Noch habe ich es immer geschafft mich trotzdem zu beherrschen, aber ich wei\u00df nicht mehr wie lange ich dies noch kann, ob mir dann noch Gelegenheit bleibt etwas schriftlich niederzulegen, wie ich es hiermit getan habe.<\/p>\n<p>All die Jahre nach meiner Hauptschulzeit habe ich versucht meinen z\u00fcgellosen Zorn in den Griff zu bekommen und bin in den Jahren danach so ruhig geworden, dass Freunde und Bekannte schon den Kopf davor sch\u00fcttelten, wie ich immer so ruhig bleiben konnte, egal was mir passierte. Aber ich kann nicht mehr! Wenn mir heute jemand den roten Knopf in die Hand geben w\u00fcrde, ich w\u00fcrde ihn dr\u00fccken. Ich hatte noch ein klein wenig Stolz in meinen Adern, aber dieser liegt in Scherben!<\/p>\n<p>Ja, ja, ich wei\u00df Sie sind nicht schuld! Er ist nicht schuld und der dort tat ebenso wie die andere dort dr\u00fcben auch nur ihre Pflicht. Niemand ist schuld! Trotzdem treibt mich dieses Heer der Unschuldigen an den Rand des Wahns. Noch sind da eben jene Freunde, die mich immer wieder aufzubauen versuchen und meinen, dass ich h\u00e4rter durchgreifen solle, meine Rechte einzufordern. Doch langsam wissen selbst jene Freunde nicht mehr was sie mir noch raten sollen, wenn ich ihnen erz\u00e4hle, was aus meinen Bem\u00fchungen geworden ist. Das Achselzucken wird auch bei ihnen immer gr\u00f6\u00dfer. Ich habe wirklich Angst diese letzte Schwelle zu \u00fcbertreten, aber woher wei\u00df ich, dass mich die Angst auch morgen noch zur\u00fcckh\u00e4lt? Ich wei\u00df es nicht!!!<\/p>\n<p>Kay Fiedler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df, ich wei\u00df. Niemand ist Schuld an meiner Situation. Alles ist nur ein ungl\u00fcckliches Zusammenfallen vieler Zuf\u00e4lle. Da niemand sonst Schuld haben kann, muss ich also selbst schuld sein. 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