{"id":405,"date":"2001-12-02T14:55:27","date_gmt":"2001-12-02T14:55:27","guid":{"rendered":"http:\/\/yakreldeif.wordpress.com\/?p=405"},"modified":"2015-04-20T16:01:21","modified_gmt":"2015-04-20T14:01:21","slug":"halt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yakobo.de\/?p=405","title":{"rendered":"&#8222;H\u00e4lt!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\">\u201e<b>H\u00e4lt\u201c<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\" align=\"center\">Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin einer von vielen&#8230; denke ich. Na ja, es ist vielmehr eine Hoffnung. Denn wenn ich einzig w\u00e4re, so w\u00fcrde ich mich selbst am Kragen packen und mich in die Geschlossene einliefern. Aber ich bef\u00fcrchte, dort auf mehr Leute zu treffen die vollen Verstandes sind, als hier drau\u00dfen, somit w\u00e4re ich der einzig schwierige Fall. Die Basis dieser Theorie ist folgende: Verr\u00fcckt sind wir eigentlich alle! Aber die, die sich durch ihre extreme Normalheit auff\u00e4lliger verhalten als wir anderen, sind verd\u00e4chtig. Um den Rest der Welt vor ihrer Normalit\u00e4t zu sch\u00fctzen, sorgt die Gesellschaft f\u00fcr ihre sichere Unterbringung in keimfreien R\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Wie ich auf das Dach dieses Wohnblockes komme? Nun, das ist nicht so ganz einfach zu erkl\u00e4ren. Ebenso wenig erkl\u00e4rbar f\u00fcr den \u00fcberdurchschnittlichen Verstand mag es sein, dass ich hier in einem knallschwarzem enganliegenden Taucheranzug hocke, eine Zorromaske vom letzten Fasching aufhabe und bitterlich friere. Es ist mitten in der Nacht, der Regen hat die Dachschindeln durchtr\u00e4nkt und das Seil um den Schornstein m\u00fcsste nach meiner Berechnung bis vor die Fenster des dritten Stockes reichen. Doch noch ist dort unten alles dunkel. Leichter Wind kommt auf und mein dunkelrotes Cape flattert ein wenig umher.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Erst jetzt werde ich mir meiner Ausstrahlung bewusst. Ich schaue auf die g\u00e4hnend tote Stra\u00dfe, f\u00fcnf Stockwerke unter mir. Ich erahne den Blick aus einem der Fenster der gegen\u00fcberliegenden H\u00e4userbl\u00f6cke. Wom\u00f6glich sind es zwei Kinder, oh ja &#8211; mein scharfer Verstand sp\u00fcrt f\u00f6rmlich ihre Blicke. Ich werde die K\u00e4lte \u00fcberwinden und mich in Position stellen, aufrecht, mit geschwollener Brust, dem Cape im Winde flatternd. Ich erahne, wie eines der Kinder auf mich zeigt und das andere Kind fragt, wer da wohl steht. Ja ja, schau du nur. Ich bin es! \u00c4hm&#8230; ich &#8230; \u00e4hm&#8230; Mist! Nein, das ist nicht mein Name. Ich hei\u00dfe nicht Mist. Aber bei all der Planung f\u00fcr mein Kost\u00fcm hatte ich keine Zeit daf\u00fcr gefunden, mir ein Pseudonym einfallen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Mit einem guten Namen steht und f\u00e4llt alles! Ich kann die besten Heldentaten vollbringen, die sch\u00f6nste aller Verkleidungen tragen, aber alles ist vergebens, wenn man keinen Namen hat. Viele gute Namen sind schon vergeben. Wenn ich Superkr\u00e4fte h\u00e4tte, ja dann w\u00e4re es einfach, dann w\u00e4re ich irgendein Held mit \u201eSuper\u201c im Namen. Das zieht immer und treibt die Auflage meiner ersten Comic-Serie in die Millionenh\u00f6he, selbst wenn ich mich \u201eSuperheinz\u201c nennen w\u00fcrde. Ja, super w\u00e4re schon klasse, aber damit geht man ja auch eine ziemliche Verpflichtung ein.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Da ich aber als Heldenneuling mit Fehlschl\u00e4gen rechnen muss, w\u00e4re \u201esuper\u201c eine zu gro\u00dfe Verantwortung. Alle Pr\u00e4dikate darunter klingen allerdings nicht motivierend. Aber \u201eMittelma\u00df-Man\u201c hat irgendwie einfach nicht gen\u00fcgend Schwung im Namen. Und wahrscheinlich erwartete man von ihm erdig gr\u00fcnes unter den Fingern\u00e4geln und speckige Haare, bekleidet mit Jeans und Parker. Aber ich hatte ja einen Dress, eine Maske und Handschuhe. Auch Handschuhe sind wichtig! Sie m\u00fcssen d\u00fcnn genug sein, um alles was man anfasste noch erf\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Besonders wichtig war die zum Kost\u00fcm passende Farbe. Und sie mussten dick genug sein, einem, wenn man auf einem nassen kalten Dach sa\u00df, noch ein wenig zu w\u00e4rmen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Meine Handschuhe erf\u00fcllten nur zwei dieser Eigenschaften. Sie passten zum Dress, in nahezu der gleichen Farbe wie mein Cape. Die Wahl der Farben war nicht einfach. Als modebewusster Neuheld muss man sich entsprechend in Szene setzen. Das Kost\u00fcm muss als Tarnung dienen k\u00f6nnen und soll trotzdem nicht einfach nur dunkel sein.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Wenn der Anspruch auf Tarnung nicht w\u00e4re, h\u00e4tte ich vermutlich eher etwas in Silber gew\u00e4hlt, wobei ich gerade gelesen habe, das Silber nicht mehr hipp sei. Au\u00dferdem sei der Ausdruck hipp nicht mehr \u201ein\u201c. Es ist gar nicht so einfach, wenn man der Jugend als Symbol dienen will. (Das Wort Symbol wanderte kurz an mir vor\u00fcber, ohne ein \u201eKlick\u201c zu hinterlassen.) Also guckte ich was, der Markt mir bot. Es sollte nicht einfach nur schwarz sein, diese Farbe mit der man selbst in dunkelster Nacht noch ein Loch in der Gegend hinterlie\u00df. Es musste irgendwie&#8230; na ja, irgendwie frischer sein. Als ich dann im Sportgesch\u00e4ft dieses Knallschwarz sah, wusste ich, dass es die Farbe war, die ich suchte. Sie war schwarz, fiel sofort ins Auge und gl\u00e4nzte.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ich war extra in die n\u00e4chste Stadt gefahren, um so wenig nachvollziehbare Spuren wie m\u00f6glich zu hinterlassen. Die Verk\u00e4uferin l\u00e4chelte freundlich und ich sagte verlegen, dass ich zum Tauchen nach Mallorca fahren wolle. Damit sie mich auch wirklich nicht wiedererkennen konnte, trug ich die ganze Zeit meinen Trenchcoat und die dunkle Sonnenbrille. Das entsprach zwar einem gewissen Klischee, aber ich war der Meinung, dass es dazu geh\u00f6rte, dass die Verk\u00e4uferin, wenn sie sich schon an etwas erinnern konnte, sich wenigstens an einen Mann erinnerte, der eben diesem Klischee entsprach.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Bei meinem Cape musste ich ein wenig improvisieren, sonst h\u00e4tte ich es nicht mehr rechtzeitig hier auf das Dach geschafft. Da war dieser Duschvorhang, den meine Oma mir vor Jahren einmal geschenkt hatte. Er passte einfach nicht zu der Innenausstattung meines Bades und so lag er schon ewig im Schrank. Das Dunkelrot machte sich gut zu dem gl\u00e4nzenden schwarz des Taucheranzuges. Nach dieser Nacht w\u00fcrde ich ihn aber noch ein wenig k\u00fcrzen. Nachdem ich mich im obersten Stockwerk umzog und ihn anlegte, stellte ich schon nach den ersten Treppenstufen zum Dach fest, dass er zu sehr hinter mir herschlurfte.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Auf die Schnelle dann auch noch passende Handschuhe zu finden war dagegen nicht ganz so einfach. In meinem W\u00e4scheschrank waren nur noch die alten ausgefransten Motorrad-Handschuhe mit den gelben Streifen. Doch sie erf\u00fcllten schon mal zwei der geforderten Eigenschaften nicht. Sie waren zu dick und hatten die falsche Farbe. Die einzigen besseren Handschuhe fand ich unter der Sp\u00fcle. Es waren die Haushaltshandschuhe, gekauft im zartem Rosa, waren sie inzwischen durch Gartenarbeiten irgendwo zwischen Rot und Schwarz. Das sie nicht ideal sind, war mir schon klar, aber sie sollten ihren Zweck ja nur heute erf\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">So stehe ich hier jetzt also, m\u00f6glicherweise unter Beobachtung und stelle mich in siegreiche Pose. Ich r\u00fccke meinen Kampfg\u00fcrtel zurecht und versuche ein m\u00f6glichst hartgesottenes, furchtloses und m\u00e4chtiges Gesicht aufzusetzen, auch wenn es in der Dunkelheit sicher nicht mal die beiden Kinder sehen k\u00f6nnten. Auch der eisige Wind lie\u00df sich nicht \u00fcberzeugen. Unabl\u00e4ssig blies, er als wolle er meine Existenz g\u00e4nzlich ignorieren. Es kostet mich einiges an \u00dcberzeugungskraft um den Stand zu behalten.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">W\u00e4hrend ich da so stehe und allm\u00e4hlich zu Eis erstarre, frage ich mich welcher schwachsinnige Geist den ersten Superhelden entsann und ihn in einen so wetterunkompatiblen Anzug steckte. Sicher wirkte es in Comics immer fesch, aber es ist einfach saukalt hier oben. Sicher versprachen sie Bewegungsfreiheit und betonten die Figur. F\u00fcr den Sommer mag das schon gehen, aber warum haben sich keine Helden mit geteilter Sommer- und Wintergarderobe durchgesetzt? Nun gut, das Kost\u00fcm ist das Image eines Helden, aber man k\u00f6nnte doch das Heldensymbol auch auf eine dicke Daunenjacke n\u00e4hen! (Erst jetzt schaltete das feinabgestimmte Superheldengehirn auf das Wort \u201eSymbol\u201c und nur f\u00fcr ihn h\u00f6rbar, machte es laut \u201eKlick\u201c.)<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ein Heldensymbol!! Ich hab das Heldensymbol vergessen! &#8230;Aber wozu brauchte ich es, da ich ja schlie\u00dflich auch noch keinen Namen hatte? Wie sollten mich meine Fans schlie\u00dflich wieder erkennen, ohne Symbol?<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Wie lange wollen die Kinder eigentlich noch auf mich starren? Langsam werden meine Gelenke m\u00fcde und ich kann nicht noch l\u00e4nger die Luft anhalten. Ich hebe den Arm und mache die Geste mit dem Daumen in die Richtung, in der ich die beiden Kinder vermute. Es ist die Art von Geste, die man macht, um Dritten zu vermitteln, dass man die Situation voll im Griff hat und alles in Ordnung sei. In diesem Falle hie\u00df diese Geste: \u201eKinder (Wenn ihr da unten seid&#8230;)!!!! Ich habe alles unter Kontrolle. Solange ich hier wache, k\u00f6nnt ihr beruhigt Schlafen. Also geht Schlafen! Jetzt! Bitte! &#8230; BITTE!!!\u201c. Zur Bekr\u00e4ftigung meiner Aussage dr\u00fccke ich ein Auge zu. Jetzt hei\u00dft es abzuwarten.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Mit der Scharfsinnigkeit meiner Augen meine ich erkannt zu haben, dass sich hinter dem Fenster der Kinder keine Bewegung mehr regte. Damit regte sich jetzt dort nicht mehr als vorher, aber mein Gef\u00fchl sagte dass es deutlich weniger Bewegung war, als die einfache Definition von \u201ekeine\u201c Bewegung. Keine Bewegung lie\u00df sich somit in verschiedene Grade einteilen und dieser Grad war irgendwo bei den Dingen, die sich nie bewegt h\u00e4tten, w\u00e4re man sich nicht sicher gewesen, dass sie sich \u00fcberhaupt h\u00e4tten bewegen k\u00f6nnen. So gehe ich also davon aus, dass sie meinem Zeichen gefolgt sind. Erleichtert lasse ich wieder Luft in meine Lungen und schaue in die Tiefe unter mir.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Alles war ruhig. Die Stra\u00dfe scheint, bis auf einige kaum verd\u00e4chtig wirkende im Minutentakt vorbeifahrende Autos absolut sicher zu sein. Auf Verbrechen wartend \u00fcberschaue ich die Stra\u00dfe. Schlaft nur, meine lieben Mitb\u00fcrger. Ich stehe hier und sorge daf\u00fcr, dass ihr die Nacht ruhig \u00fcbersteht. Nat\u00fcrlich ist es f\u00fcr einen Helden schwer zu erkennen, ob ein nicht stattfindendes Verbrechen auf die eigene Pr\u00e4senz zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Aber wenn es trotz dem Vorhandensein eines Superhelden ein Verbrecher wagt, seinen Plan durchzuf\u00fchren ist dies schier unversch\u00e4mt, oder der Verbrecher hat mich versehentlich \u00fcbersehen. Die Kunst daran, sich richtig zu verstecken bestand darin, f\u00fcr den Normalb\u00fcrger unsichtbar zu bleiben und es auff\u00e4llig genug zu tun, als das Fans und Verbrecher einen dennoch bemerkten!<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Diese Nacht schien \u00fcber mehr Stunden zu verf\u00fcgen als andere N\u00e4chte. Eine Nacht verf\u00fcgte dabei \u00fcber etliche M\u00f6glichkeiten sich im Dunkeln an die Uhren wartender Menschen zu schleichen und sie zur\u00fcck zu stellen. Hier auf dem Dach war ich der Nacht hoffnungslos ausgeliefert und sie nutzte es wirklich schamlos aus. Nach unendlich erscheinender Zeit und drei Autos sp\u00e4ter, schaue ich zur Uhr und es sind erst zehn Minuten vergangen. Immerhin wusste ich, dass ich hier nicht vergebens warte. Schlie\u00dflich muss im dritten Stock unter mir irgendwann irgendetwas passieren und dann h\u00e4tte ich meinen gro\u00dfen ersten Auftritt. Ich wusste nicht, wie dieses etwas wohl sein w\u00fcrde, also hoffe ich darauf, dass etwas bei seinem Tun m\u00f6glichst auff\u00e4llig sein w\u00fcrde. Ich erwarte irgendwie Schreie, Lichtkegel die die Scheiben des dritten Stockes von Innen ableuchten oder einen Pistolenschuss.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Woher ich von dem geplanten Verbrechen wusste? Ich hatte vorgestern dieses Gespr\u00e4ch im Supermarkt belauscht. Der Mann wollte sich heimlich in eben diese Wohnung schleichen w\u00e4hrend der Herr der Wohnung schliefe und dann seiner Frau etwas antun. Der Gedanke eines Tages ein Superheld zu sein schlummerte schon lange in mir. Und dies war meine Gelegenheit. W\u00fcrde ich nur so auf dem Dach hocken und auf ein ungezieltes Verbrechen warten, k\u00f6nnte es Jahre dauern bis jemand meine Hilfe br\u00e4uchte. Aber in diesem Fall hatte ich, genau wie der Unhold, einen Plan.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Der Mann war kein v\u00f6llig Unbekannter. Ich wohnte selbst in diesem Viertel und sah ihn oft verschwinden in einem der, diesem Haus gegen\u00fcber liegenden Hauseingange. Nachdem ich das Gespr\u00e4ch belauscht hatte, wurde mir sofort bewusst, dass der Mann schon immer so etwas unheimliches, verbrecherisches im Ausdruck hatte. Also beobachte ich seinen Hauseingang und den dritten Stock unter mir.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Wieder einmal muss ich ganz zur Dachrinne hin und \u00fcber den Rand schauen. Als Held Angst zu zeigen liegt nicht drin, also schaue ich kalt l\u00e4chelnd, w\u00e4hrend sich mir innerlich alles zusammenzieht.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Warum nur mussten Helden immer durch das Fenster gest\u00fcrzt kommen? Konnten sie nicht das Treppenhaus benutzen und die T\u00fcr auf klassische Polizeimanier eintreten? Nein, Superhelden unterscheiden sich von den \u00fcblichen Ordnungsh\u00fctern einfach schon dadurch, dass sie anders auftreten. Es war sozusagen eine Verpflichtung, die irgendwie mit dem Tragen einer Maske zusammenhing. Helden springen von D\u00e4chern. Helden fallen durch Fenster und landen immer auf den F\u00fc\u00dfen, einen lockeren Spruch auf den Lippen und mit einem unerbitterlichen k\u00fchlen Blick in den Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Diesen Blick hatte ich den ganzen Morgen vor dem Spiegel ge\u00fcbt und bin der Meinung ihn beinahe zu einer eigenen Pers\u00f6nlichkeit perfektioniert zu haben. Zumindest bin ich mir sicher, dass ich mich zu Tode erschrecken w\u00fcrde, wenn mir jemand mit so einem Blick in den Augen gegen\u00fcberstand. Aber was f\u00fcr einen Spruch soll ich liefern, wenn ich nachher da im Zimmer stehen w\u00fcrde? \u201eHalt, Schurke!\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Sonderlich originell w\u00e4re das nicht, aber immerhin geradezu klassisch. Ich wusste nicht, mit welchem Spruch ich den Verbrecher am ehesten beeindrucken w\u00fcrde. Einer der etablierten Spr\u00fcche w\u00fcrde sicher wirken, aber er beinhaltete die Gefahr, dass mich der damit konfrontierte \u00dcbelt\u00e4ter mit dem echten &#8230; ich meine mit dem urspr\u00fcnglichen Spruchmacher, verwechselt. Ich wollte aber nat\u00fcrlich etwas eigenes bringen, ein Markenzeichen setzen, dass sp\u00e4ter auf T-Shirts steht.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ich hab also weder einen Namen, noch ein Zeichen, noch einen markigen Spruch f\u00fcr den ich ber\u00fchmt werden k\u00f6nnte. Es ist gar nicht so einfach ein Held zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Da huscht ein Schatten von dem Haus gegen\u00fcber \u00fcber die Stra\u00dfe und verschwindet unter mir im Hauseingang. Ob er es sein wird? Noch einmal wage ich den Blick \u00fcber die Rinne.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Endlich! Das Licht im Dritten ist endlich angegangen. Ich werde jetzt noch einen Moment abwarten, bevor ich mich an dem Seil in die Tiefe der Nacht schwinge. Ich will ihm da unten die Gelegenheit lassen, alles vorzubereiten, damit ich dann als strahlender Held, im letzten Moment, auftrumpfen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Erst jetzt merke ich, wie tief es da runtergeht. Ich suche das Ende des Seils und nehme es fest in die H\u00e4nde. Eigentlich m\u00fcsste er da unten jetzt genug Zeit gehabt haben. Also bereite ich mich auf meinen Sprung vor. Routiniert nehme ich Schwung und z\u00e4hle. \u201eDrei, zwei, &#8230; eins &#8230;, &#8230;.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Mein K\u00f6rper widersetzt sich meinem Befehl, ahnend dass dies nicht gut f\u00fcr mich ausgehen k\u00f6nne. Ich fange also nochmal von vorne an. \u201eDrei, zwei, &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Jetzt wei\u00df ich\u00b4s!! Wenn Helden von D\u00e4chern st\u00fcrzen, dann z\u00e4hlen sie nicht runter, sondern rauf. \u201eEins, zwei, &#8230;\u201c Ich schaff es nicht. Da steckt ein Held in mir und dann steckt er in einem unglaublich vorsichtigen K\u00f6rper, geradezu \u00fcbervorsichtig. Dabei war es das Markenzeichen eines Helden eben keine Angst zu zeigen. Ich glaube das mit dem \u201eHeld\u201c sein verschieben wir auf sp\u00e4ter. Jetzt ging es darum ein Vergehen zu stoppen. Dann w\u00e4re ich eben der erste Held der doch die Wohnungst\u00fcr benutzt. W\u00e4hrend ich noch das Seil zur Seite werfe, denke ich \u00fcber den richtigen Spruch nach. \u201eLass ab, Halunke!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Die n\u00e4chsten Sekunden gab mir die Nacht all die Stunden auf einen Schlag zur\u00fcck, die sie mir zuvor geklaut hatte. Es ist&#8230;\u00a0 Es war die Art von schneller Zukunft die eine Gegenwart \u00fcberholen konnte, und somit gleich zur Vergangenheit avancierte. Ich drehte mich zur Dachluke, machte zwei Schritte auf die Luke zu, rutschte aus, verfing mich im Seil und fiel r\u00fccklings \u00fcber die Dachrinne. Einen hellen Schrei absondernd, sauste mein K\u00f6rper meinem Gef\u00fchl eben dieses in Worte fassen zu k\u00f6nnen davon. In einem Slapstickfilm verlie\u00dfe ein gefl\u00fcgeltes Herz meinen K\u00f6rper. Aber so fanden sich alle Teile meines Daseins, wenig sp\u00e4ter am Ende des Seils wieder, welche mich kopf\u00fcber im Bogen, Richtung Fenster leitete. Es war nicht das richtige Fenster, sondern das Fenster neben dem des Verbrechens.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Nicht nur Helden, auch Ganoven liebten es durch Fenster zu springen. Selbst Leute, die es nicht planten, fielen dann und wann mal durch Fenster. In Reinrassigen Actionfilmen wurden Leute auch schon mal durch ein geschlossenes Fenster geworfen. Eines hatten alle diese Szenen gemeinsam. Glas splitterte und spritzte Wasser gleich durch die Luft, w\u00e4hrend der K\u00f6rper triumphierend oder \u00fcberrascht durch die \u00d6ffnung kam.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Die Stundensekunde war noch nicht vor\u00fcber! Immer noch im gleichen Moment sah ich das Fenster, sp\u00fcrte schmerzlich den Aufprall, welcher ger\u00e4uschtechnisch mit einem Schlag auf einen Gong zu vergleichen war und merkte das mein Seil keine weiteren Anstalten machte, mich weiter festzuhalten. Das letzte, das ich in dieser Sekunde merkte war das Gef\u00fchl von B\u00fcschen, die sich bem\u00fchten mir auszuweichen. Einzig die Geschwindigkeit in der ich mich bewegte machte dieses Unterfangen unm\u00f6glich. Vielleicht lie\u00dfen sie sich damals auch einfach nur zu dicht am Haus pflanzen. Wer immer daf\u00fcr verantwortlich war, ich h\u00e4tte ihm sofort gedankt. Aber auch als Held braucht man mal eine Auszeit und mein K\u00f6rper sagte mir, das dieser Zeitpunkt daf\u00fcr ziemlich geeignet w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Als ich die Augen aufmache sehe ich den Tag durch die Bl\u00e4tter hindurch. Die Zeit scheint wieder in einem geordneten Rhythmus abzulaufen. Anscheinend hat mich auch noch niemand hier unten gesehen. Autos fahren herum, Leute schreiten an dem Geb\u00fcsch vorbei in dem ich liege. Da mein Auftritt gestern Abend leider auch nicht so verlaufen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte, will ich auch dass es so bleibt. Meine normalen Sachen lagen leider immer noch oben vor der Dachluke. Immerhin hoffe ich das. Meine Glieder schmerzen und doch bin ich froh den Fall \u00fcberlebt zu haben. Zumindest beweist es mir, dass mein K\u00f6rper trotz der Angst wahre Heldenqualit\u00e4ten hat. Als ich geschickt humpelnd um die H\u00e4userecke schleichen will, sehe ich einige Polizeiwagen. Zwei Leichenwagen fahren gerade vom Hof und die Polizisten stehen in einer Traube betroffener und gaffender Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ich h\u00e4tte es verhindern k\u00f6nnen! Ich! Gestern war ich wirklich nur \u201eMittelm\u00e4\u00dfig-Man\u201c!! Aber ich wusste es ja besser, musste den Helden spielen. Aber es ist nicht die Zeit f\u00fcr Selbstvorw\u00fcrfe. Ich verziehe mich wieder in mein Geb\u00fcsch und warte bis Ruhe einkehrt. Ich nehme das Cape, den G\u00fcrtel und die bl\u00f6de Maske ab. Als die gaffende Masse und die Ordnungsh\u00fcter endlich fort sind, wage ich mich aus meinem Versteck. Mit einem Sprung stehe ich auf der Stra\u00dfe und gehe, mit dem Duschvorhang unter dem Arm, den Weg hinunter.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Eine dicke Frau kommt mir mit einem kleinen wei\u00dfen Pudel entgegen. So wie sie schaut hat sie noch nie einen Mann im Taucheranzug gesehen. Okay, mitten im Winter inmitten der Stadt ist es vielleicht schon merkw\u00fcrdig, zumal der Duschvorhang nicht zum Tauchen passt. Aber wenn sie nach einer Erkl\u00e4rung fragen w\u00fcrde, h\u00e4tte ich schon eine brauchbare Ausrede parat gehabt. Aber sie fragt mich nicht. Entr\u00fcstet schaue ich zur\u00fcck und strafe sie mit sturem Vor\u00fcberschreiten, w\u00e4hrend das wei\u00dfe Wollkn\u00e4uel ver\u00e4chtlich hinter mir herkl\u00e4fft. Als ich endlich meine Sachen wiederhabe, bin ich froh, wenig sp\u00e4ter die T\u00fcr hinter mir ins Schloss fallen lassen zu k\u00f6nnen. Endlich daheim.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Es ist gar nicht so einfach ein Held zu sein, geschweige denn zu werden. Diesmal bin ich nur haarscharf daran vorbei. Morgen gehe ich wieder einkaufen, vielleicht schnappe ich wieder etwas auf.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ein Vierteljahr sp\u00e4ter in einem Gerichtssaal steht der Angeklagte auf und gibt folgenden Tathergang zu Protokoll:<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">\u201eMeine Frau war wie jeden Dienstag noch lange auf, weil sie angeblich noch auf ihre Mitternachtssendung im Fernsehen wartete. Wie jeden Dienstag war ich nach dem Abendessen besonders m\u00fcde und ging Schlafen. Ich schlief fest, als irgendetwas gegen das Schlafzimmerfenster rummste und mich weckte. Aus dem Wohnzimmer drangen ungew\u00f6hnliche Ger\u00e4usche her\u00fcber. Als ich aufstand um nachzusehen, sah ich diesen Kerl, wie er sich gerade hastig die Hose zukn\u00f6pfte und meine Frau wie sie ihre Bluse zurechtzupfte. Den Rest wei\u00df ich nicht mehr. Irgendwie geriet ich in Wut und schlie\u00dflich stand die Polizei vor mir.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">(&#8230; gar nicht so einfach ein Held zu sein.)<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\" align=\"right\">\u00a92001 Kay Fiedler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eH\u00e4lt\u201c Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin einer von vielen&#8230; denke ich. Na ja, es ist vielmehr eine Hoffnung. Denn wenn ich einzig w\u00e4re, so w\u00fcrde ich mich selbst am Kragen packen und mich in die Geschlossene einliefern. 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