{"id":385,"date":"1996-03-02T13:13:53","date_gmt":"1996-03-02T13:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/yakreldeif.wordpress.com\/?p=385"},"modified":"2015-04-20T16:38:42","modified_gmt":"2015-04-20T14:38:42","slug":"freak-was-nun-1996","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yakobo.de\/?p=385","title":{"rendered":"Freak! Was nun? (1996)"},"content":{"rendered":"<h1 align=\"center\"><b>Freak!<\/b><\/h1>\n<h1 align=\"center\"><b>Was nun?<\/b><\/h1>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<h2 align=\"center\">Gedanken und Geschehnisse aus dem Leben eines Freaks von Kay Fiedler<\/h2>\n<p>Unglaublich viel Zeit&#8230;<\/p>\n<p>Hat man, f\u00e4hrt man jahrelang mit dem Auto, dann pl\u00f6tzlich und schlie\u00dflich \u00f6fters mit der Bahn. Man steht st\u00e4ndig unter Strom, am Arbeitsplatz, im Auto, beim Wochenendgrillen mit den Freunden, beim Fernsehen \u2013 ja, &#8211; fast immer ist man so besch\u00e4ftigt, da\u00df vielleicht mal der K\u00f6rper, aber kaum der Geist zur Ruhe kommt. Und dann sitzt man pl\u00f6tzlich in der S-Bahn. Weniger aus \u00dcberzeugung, als vielmehr aus dem Gedanken heraus sich nicht mit dem Wagen durch Hamburg zu qu\u00e4len, eine halbe Stunde und mehr durch Ampeln, parkende LKW\u00b4s und verstopfte Baustellen zu rollen und am Ende genauso viel Geld f\u00fcr eine Stunde Parken zu investieren, wie f\u00fcr zwei Bahntickets.<\/p>\n<p>Hier sitz ich also, Station Elbgaustra\u00dfe bis Hamburg Hauptbahnhof. Selten sehe ich so viele fremde Gesichter so zusammengew\u00fcrfelt wie hier. Fr\u00fcher, da bin ich fast t\u00e4glich mit der Bahn gefahren, aber damals fielen mir all die kleinen Details kaum auf; All diese Feinheiten in den Gesichtern; Die Gr\u00fcbchen am Kinn, die kleinen Lachfalten, allerdings auch keine Tr\u00e4nens\u00e4cke, Bankkaufleute mit wichtigen Aktenkoffern, Penner im eigenen Saft. Fr\u00fcher, da empfing ich h\u00f6chstens den Schwei\u00df der anderen, ihre Gespr\u00e4che, ihr albern und kichern und dann und wann die breite Schlagzeile der Tagespresse. Mehr war da nicht.<\/p>\n<p>Doch heute sehe ich sie ALLE! Mitmenschen sind jetzt pl\u00f6tzlich mehr als nur fleisch-rosige in Textile verpackte Ma\u00dfe, \u00e4hnlich einem selbst. All diese Schaufensterpuppen hatten noch vor einigen Monaten etwas gemeinsam,- keine Gesichter.<\/p>\n<p>In der Schule hielt man mich f\u00fcr Kontaktscheu. Nun ja, das stimmt wohl. Ich hatte immer Angst vor meinen Mitsch\u00fclern. Mit vierzehn hatte ich Angst vor den M\u00e4dchen, mit sechzehn wollte ich sie alle haben und heute w\u00fcrde ich mich mit einer begn\u00fcgen, wenn es nur die richtige ist. Die Woche dreimal Sex, ein Kind, Sprechstunden nach Vereinbarung,- ach ja \u2013 sie geht arbeiten, ich h\u00fcte die Kinder und mache den Haushalt. Das nenne ich emanzipiert. Aber da gibt es leider noch ein Problem.<\/p>\n<p>Sicher, so mancher hat Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen, doch selbst die schr\u00e4gsten, als auch die biedersten Menschen verlieben sich mal. Sie denken nicht daran, haben vielleicht auch schon die Hoffnung aufgegeben und Peng! Da steht er oder sie&#8230; Ein Augenfunkeln \u2013 ein Blitz und alles ist klar. Sie bleiben ihr Leben lang zusammen, lieben sich, oder lieben sich zu Tode. Die Frage bleibt, warum geht es mir nicht so?<\/p>\n<p>Muss ich erst eine Anzeige aufgeben: \u201eTeddyb\u00e4r, 25 Lenze sucht Biene, zwecks gemeinsamen Honigsammelns\u201c? Mit 18 w\u00e4re eine solche Anzeige aus meiner Sicht schier unm\u00f6glich gewesen, aber heute? Warum nicht? Aber was dann? Wie sieht das erste Treffen aus? Wie sieht SIE aus, welche Vorstellung hatte sie wohl von mir? Ich habe einfach Angst vor so einem Blind Date. Ihr etwas \u00fcber mich zu erz\u00e4hlen fiele mir Aufgrund der wenigen Schn\u00f6rkel, die mein Leben bisher zu bieten hatte, verdammt schwer.<\/p>\n<p>Als Kind war ich immer und zu jeder Jahreszeit krank. Ich kenne die meisten Krankenh\u00e4user in und um Hamburg und habe keine Angst mehr vor Operationen. Ich habe eine chronische Mittelohrentz\u00fcndung und kann\u00a0 von daher nicht allzu gut h\u00f6ren, au\u00dferdem hat sich in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren meine Sehkraft auf links 30 und rechts auf 70 Prozent verschlechtert. Ich bin 186 cm gro\u00df, dunkelhaarig, dick. Ja ich habe zwar \u00fcber zwanzig Kilo abgenommen, aber neunzig Kilo sind mir immer noch zuviel. Ich war in der Schule ein Streber und wurde st\u00e4ndig verpr\u00fcgelt. Mein Intellekt war \u00fcberentwickelt und alles langweilte mich, w\u00e4hrend meine Mit-Teens bereits schwer rumturtelten, tobten, liebten und f\u00fcr das wirkliche Leben lernten. Mit f\u00fcnfzehn bekam ich meinen ersten eigenen Computer, seitdem hatte ich immerhin ein Hobby. All meine Freunde, sofern man von Freunden reden konnte, waren auch Einzelk\u00e4mpfer, Freaks \u2013 wie ich.<\/p>\n<p>Soviel zu den Fakten, soweit ich sie mitteilen m\u00f6chte, soweit ich sie mitteilen w\u00fcrde. Viele meiner Freunde kennen diesen wirklich spannenden Lebenslauf l\u00e4ngst, aber welcher fremden Frau mag man so etwas sagen, sofern man sie nicht sofort vergraulen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Gut, seit etwa vier Monaten trage ich nun Kontaktlinsen. Die Konturen werden nun endlich scharf und ich habe zunehmend das Gef\u00fchl, bisher blind gewesen zu sein. Meine Mitmenschen senden tausendfach Signale, gewollt, oder ungewollt. Ihre Augen sprechen, und ich konnte es all die Jahre nicht sehen. Auch ich habe jahrelang nicht mit ihnen gesprochen. Wie denn auch, ohne Augen? Wie h\u00e4tte ich mich verlieben sollen, k\u00f6nnen, d\u00fcrfen? Gerade jetzt schaute ich kurz von meinem Text auf und blickte in zwei himmelblaue leuchtende Augen, tief, tiefer. F\u00fcr einen kurzen Moment waren wir zwei die einzigen Lebewesen in dieser S-Bahn. Sie l\u00e4chelte und mein Mund konnte nicht anders, als verlegen zur\u00fcck zu l\u00e4cheln, ehe ich mich wieder hinter mein Papier verkroch. Was passierte dann, werden Sie sich jetzt wohl fragen. Sie erwarten jetzt m\u00f6glicherweise eine Lovestory. Aber Sorry, damit kann ich nicht dienen. Ich h\u00e4tte jetzt nat\u00fcrlich weiter Blickkontakt suchen k\u00f6nnen, um schlie\u00dflich einen kleinen Augenflirt in eine plumpe Anmache zu verwandeln. Aber wie ich bereits schrieb, w\u00fc\u00dfte ich sowieso nicht, wie ich mit einer Frau, noch dazu mit einer v\u00f6llig Unbekannten umgehen sollte. Von daher verbuchte ich lieber ein kleines Plus f\u00fcr den langen und liebevollen Blick, als ein dickes Minus f\u00fcr einen darauf folgenden Korb. Dieser kleine und doch so wichtige Proze\u00df des ersten Augenblicks war mir bisher verg\u00f6nnt. Ich glaube, ich sollte viel \u00f6fter S-Bahn fahren.<\/p>\n<p>Doch jetzt lassen Sie mich noch ein wenig weiter an mir rumn\u00f6rgeln. Ich bin nun mal verdammt selbstkritisch, daf\u00fcr kann ich nichts. Aber w\u00e4re ich nur halb so selbstkritisch, w\u00fcrden sie wohl kaum diese Zeilen lesen, da sie wahrscheinlich nicht existent w\u00e4ren.\u00a0 Zum Gl\u00fcck wei\u00df ich aber, da\u00df auch Sie nicht frei von Fehlern sein k\u00f6nnen, sonst h\u00e4tte Ihnen weder die Kladde noch der Titel dieses Buches zugesagt. Oder hat man Ihnen dieses Buch etwa geschenkt? Dann bedanken sie sich bei der Person, denn wenn diese Sie vielleicht auch f\u00fcr einen Freak h\u00e4lt, so scheint sie doch sagen zu wollen: Kopf hoch, da drau\u00dfen sind noch mehr \u2013 und schlimmere!<\/p>\n<p>Sch\u00f6n und gut, ich kann wieder sehen. Doch die lange Einsamkeit und die Angst vor den Gesichtslosen hat mich auch sprachlich beeinflu\u00dft. So stolpere ich, sofern ich aufgeregt bin, was bei Frauen unweigerlich der Fall ist, \u00fcber meine Zunge. Daraus folgt: Je mehr ich eine Frau mag, desto mehr halte ich mich in ihrer N\u00e4he auf und desto weniger rede ich mit ihr! Interessanter Weise l\u00f6st sich das Stottern meist schlagartig, wenn ich im Laufe der Zeit erfahre, da\u00df sie bereits in festen H\u00e4nden ist. Pl\u00f6tzlich kann ein lockeres entspanntes Gespr\u00e4ch stattfinden, da ich ja eh keine Chance h\u00e4tte. Leider kann ich gegen diese tiefe Angst und Sch\u00fcchternheit kaum etwas tun. Und oft ist die Angst vor Zur\u00fcckweisung mindestens so gro\u00df wie Angst vor meinem eigenen Mundwerk.<\/p>\n<p>Oh\u00b4 meine Worte sind meist, wenn ich denn schon mal rede, gut gew\u00e4hlt. Mein Scharm entspricht einer Chilibohne im Keksriegel, oder zumindest Senf in einem Berliner. Mein Sarkasmus als auch mein Humor gelten als Rasiermesserscharf und landen ihre Schl\u00e4ge nur selten oberhalb der G\u00fcrtellinie. Das geht bis zu selbstzerst\u00f6rerischen Aussagen \u00fcber mich und schrecke dabei auch vor meinen besten Freunden nicht zur\u00fcck. Hinzu kommt eine Stimme, die leider immer viel zu ernst und zu verurteilend wirkt. Ich wei\u00df nicht warum das so ist, aber es ist so. Konnten meine F\u00e4uste nie wirklichen Schaden anrichten, mein Mundwerk konnte es \u2013 seit jeher!<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen schon entschuldigen, aber auf irgend etwas mu\u00df man Stolz sein, was bleibt einem sonst? Ein allzu schwer verletztes Selbstbewu\u00dftsein sucht sich blo\u00df einen \u00fcber die Autobahn hoppelnden\u00a0 Br\u00fcckenpfeiler, oder begeht Bungeejumping ohne Seil. Dann bin ich doch lieber Stolz auf die zerst\u00f6rerische Kraft meiner Worte. Klar! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, da\u00df sich in meinem Leben noch etwas Entscheidenes \u00e4ndert, das ich mit der Macht meiner Worte auch Halt und Trost geben kann; aber im Moment brauche ich diese Macht, um mich selbst zu best\u00e4tigen und um sagen zu k\u00f6nnen: ICH. Das war nicht immer so.<\/p>\n<p>Zeitweise f\u00fchlte ich mich so wertvoll wie die Mona Lisa&#8230;<\/p>\n<p>&#8230;auf der R\u00fcckseite einer M\u00fcslipackung. Als was? Ganz egal, vielleicht als Abzieh- oder Sammelbild, oder auch als Quizfrage, etwa \u201eWer malte dieses Bild und wo h\u00e4ngt es aus?\u201c- Irgend so ein belangloser Schrott aus unserer aller Umwelt, wie wir ihn t\u00e4glich vor Augen haben, ohne noch gro\u00df dar\u00fcber nachzudenken. So f\u00fchlte ich mich also, und die Welt da drau\u00dfen tat das ihrige dazu, damit dieses Gef\u00fchl blieb.<\/p>\n<p>Mein zweiter Lehrherr und sein Meister lie\u00dfen mich nur niedere Arbeiten ausf\u00fchren, als da w\u00e4ren M\u00fcll zur Verwertungsanlage bringen, Schrott zum Schrottplatz fahren, Fahrzeuge beim Importeur abholen, Ersatzteile besorgen, verbogene Kleinteileregale im ehemaligen H\u00fchnerstall aufbauen und \u00c4hnliches. Sicher kann einem Lehrling zugemutet werden, da\u00df er die Werkstatt fegt, aber erstens nicht st\u00e4ndig und zweitens wohl kaum als angehender B\u00fcrokaufmann. In den ganzen vier Monaten, die ich dort aushielt, hatte ich das B\u00fcro, welches mein eigentliches Lehrdomizil h\u00e4tte sein sollen, nur zweimal gesehen: Das erste Mal zur Unterzeichnung des Ausbildungsvertrages, ein zweites Mal, als ich einen schriftlichen Vorgang suchen sollte.<\/p>\n<p>Bei diesem zweiten Besuch war ich immerhin schon den zweiten Monat besch\u00e4ftigt, und der Ausbildungsvertrag lag unbest\u00e4tigt, nur vom Chef und von mir unterschrieben neben der Schreibmaschine. Genau an diese Stelle legte er ihn, als er ihn damals aus der Maschine zog und da lag er noch. Ich machte mir schnell eine Kopie des Vertrages und legte den Vertrag wieder neben die Maschine. Am Nachmittag fragte ich dann den Chef, was mit meinem Vertrag sei, dieser antwortete: \u201eJa, da mu\u00df ich mal mit der Kammer telefonieren, der m\u00fc\u00dfte ja schon lange wieder da sein! Nachher haben die ihn noch verbummelt!\u201c-AUS!<\/p>\n<p>AUS! Sorry, aber da\u00df war ein volles Aus! H\u00e4tte er gesagt:\u201cTschuldigung, hab ich noch gar nicht abgeschickt\u201c, oder ihm w\u00e4re sp\u00e4testens jetzt eingefallen das er ihn vergessen hat, ja \u2013 selbst wenn er gesagt h\u00e4tte, da\u00df er ihn, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, erst nach der Probezeit h\u00e4tte losschicken wollen&#8230;\u00a0 Alles w\u00e4re besser gewesen als diese klare L\u00fcge! Die Vertrauens- als auch die Vorbildfunktion die ein Chef innehaben sollte war somit zerst\u00f6rt. Zwar habe ich meinen Vertrag wenige Wochen sp\u00e4ter von der Kammer best\u00e4tigt zur\u00fcckbekommen, aber sowohl die T\u00e4tigkeitsqualit\u00e4t als auch die Vertrauensposition haben sich nicht mehr ge\u00e4ndert. Stattdessen gab es fast immer etwas an meiner Arbeit auszusetzen. Es wurde nicht dar\u00fcber diskutiert, man wurde einfach nur zusammengeschie&#8230;PIEP!<\/p>\n<p>Dann und wann h\u00e4tte ich gerne mit meinem Chef gestritten, aber seine Frau warnte alle Mitarbeiter eindringlich davor. Der Gesundheitszustand ihres Mannes sei so schlecht, da\u00df er keinerlei Aufregung vertr\u00fcge. Wir sollten ihm jeglichen Stre\u00df vom Leib halten. Und ich f\u00fcgte mich seiner Frau. Sie war das direkte Gegenteil zu ihm, herzensgut, mitf\u00fchlend und immer f\u00fcr die Angestellten da, wie eine Glucke zu ihren K\u00fcken.<\/p>\n<p>Klar, ich h\u00e4tte trotzdem mit ihm streiten k\u00f6nnen, aber was h\u00e4tte ich getan, w\u00e4re er deshalb tot umgefallen? Es w\u00e4re zwar sicher manchmal der sehnlichste Wunsch eines Tagel\u00f6hners, da\u00df der Chef einfach tot umf\u00e4llt im Moment des Affekts, aber was passiert dann, wenn man sich wieder beruhigt hat? Da w\u00fcrden kleine rote, m\u00f6glicherweise geh\u00f6rnte M\u00e4nnchen, oder gar der Chef selbst erscheinen und einem leise ins Ohr singen: \u201eM\u00f6rder, M\u00f6rder, M\u00f6rder!\u201c. Also l\u00e4\u00dft man die Streiterei bleiben und schluckt den \u00c4rger runter.<\/p>\n<p>Das funktioniert eine Zeitlang auch ganz gut. Menschenaffen und Staatsoberh\u00e4upter w\u00fcrde st\u00e4ndige Kritik m\u00f6glicherweise am A&#8230;.. vorbeigehen, aber einem eh angeknacksten Ego eher die Nahrung geben die es braucht, um kr\u00e4ftig unf stark zu werden. Dann bleiben einem nur noch wenig M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Man sucht sich den bereits erw\u00e4hnten Pfeiler auf der Autobahn, dann steht in der Zeitung die Aussage einer Nachbarin: Sehen Sie, ich hab\u00b4s schon immer gewu\u00dft. Mit dem Jungen stimmte was nicht, der war immer so ruhig. Die armen Eltern.<\/li>\n<li>Eines Tages ist das Ma\u00df so voll, da\u00df man wirklich nicht mehr diskutiert &#8211; geschweige denn wartet, bis der Boss Tod umkippt. Nein! Man springt ihm oder irgend jemand anderes an, der einem gerade stichelt und bereitet ihm ein Ende. In der Presse st\u00e4nde dann etwa folgendes: Der Azubi Kay F. aus G.N. (20) ging ohne ersichtlichen Grund auf die Angestellten der Fa. XY los, erstach den Inhaber, dessen Katze sowie den Kunden Helmut K. und st\u00fcrzte sich anschlie\u00dfend mit Schaum vor dem Mund auf die Bahngleise, wo er versuchte einen Zug aufzuhalten und alle Insassen als Geiseln zu nehmen. Leider hatte der herannahende G\u00fcterzug seine Lok hinten.<\/li>\n<li>Man f\u00e4ngt an, sich selbst zu bel\u00fcgen: \u201eJa, Ja \u2013 Auf! Auf! Den heutigen Tag schaffst Du auch \u2013 Nur Mut!\u201c Aber auf Dauer reagiert etwas. Wenn es nicht der Kopf tut, dann macht es der K\u00f6rper. Man steht Morgens auf und alles ist gut. Man w\u00e4scht sich, fr\u00fchst\u00fcckt, setzt sich ins Auto und alles ist gut. Man sieht von der Ferne die Flaggen der Firma und es geht bergab. Schwindelgef\u00fchl, Kopfschmerzen, Brechreiz und allgemeines Unwohlsein werden immer st\u00e4rker. Reagierte der K\u00f6rper anfangs erst zur Mittagszeit, sind es Wochen darauf schon die Morgenstunden, bis allein der Gedanke an die Firma ausreicht, um die Krankheitssymtome zu aktivieren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Hat der Arzt zuerst einmal eine akute Unlustsgrippe diagnostiziert und mir zwei Wochen Urlaub verschrieben, wurde ihm alsbald bewu\u00dft, da\u00df wohl mehr dahinter steckte. Die Blutwerte meldeten Alarm, die Leber arbeitete mit der Pr\u00e4zision, die man normal nur bei S\u00e4ufern vorfindet. Eine kaputte Leber ohne Ausl\u00f6ser bei einem zwanzigj\u00e4hrigen ist wahrlich schwer zu erkl\u00e4ren mit der althergebrachten Schulmedizin. Nach wenigen Gespr\u00e4chen mit einem Therapeuten war alles klar: eine psychosomatische Erkrankung. Ein Seelischer Schaden, der sich auf den K\u00f6rper auswirkt, weil der Kopf nicht willig war zu reagieren.<\/p>\n<p>Nach einem Vierteljahr Klinikaufenthalt wurde ich dann als geheilt entlassen. Ich habe in der Klinik viel \u00fcber mich und mein Verhalten\u00a0 Fremden und Freunden gegen\u00fcber gelernt. Obwohl ich eher ein stiller Typ bin, suche ich durch einfache Aktionen immer wieder das Gespr\u00e4ch mit meinen Mitmenschen. Beispielsweise behielt ich oft eine Karte des Skatblatts in der Hand, w\u00e4hrend ein anderer Patient gerade seine Patience legte. Ich trug T-Shirts obwohl drau\u00dfen zentimeterhoch Schnee lag. Ich drehte mein Namensschild an der T\u00fcr auf den Kopf. Ich mischte die Standard-Fingerfarben zu Pastellt\u00f6nen, nur um andere Farben zu haben, als die anderen; Alles nur um aufzufallen, alles nur damit man mich darauf anspricht.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, da\u00df allein aus dieser und \u00e4hnlichen Erkenntnissen heraus sich irgend etwas an meinem Verhalten ge\u00e4ndert h\u00e4tte, nur ich kann mich heute selbst besser beobachten und den Proze\u00df besser steuern. Ich wei\u00df heute genauer, wovor und vor was f\u00fcr Menschen ich Angst habe und wie ich dann reagiere, ein gro\u00dfer Vorteil gegen\u00fcber dem vorigen Zustand. Wer da sagt Seelenklempner seien dazu da, um Probleme zu machen, die man vorher nicht hatte, bzw. Therapeuten d\u00fcrften nicht von den Krankenkassen bezahlt werden, wissen nicht wovon sie reden.<\/p>\n<p>In Ordnung, so manche Therapie wirkt nach au\u00dfen hin vielleicht etwas au\u00dferirdisch, aber wenn man erst einmal den Hintergrund sieht und sich vor allem auf die Sache einl\u00e4\u00dft; dem Therapeuten vertraut, dann funktioniert es auch. Zum Beispiel die sogenannte Boxtherapie. Da stehen sich zwei Patienten mit Boxhandschuhen gegen\u00fcber, zwischen Ihnen ein Sandsack. Nun schlugen sich die Patienten gegenseitig den Sack zu. Ich sah diese Therapie auf dem Vorf\u00fchrvideo der Klinik und dachte noch: \u201eWatt\u00b4n Unsinn!\u201c Doch als ich genau diese Therapie verordnet bekam, mu\u00dfte ich nach den ersten Malen feststellen, es hilft.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite f\u00e4ngt man den Schlag des Partners ab, versucht sich auf die Wut, die der andere rausschl\u00e4gt einzustellen und den Sack vor sich zu stoppen, ehe seine Wucht einen umrei\u00dft. Auf der anderen Seite konzentriert man sich f\u00fcr die Bruchteile einer Sekunde auf\u00a0 die eigenen angestauten Aggressionen, bevor man diese mit einem kr\u00e4ftig w\u00fctenden Schlag seinerseits auf den Sandsack bef\u00f6rdert. Die Schl\u00e4ge lauten dann: KNALL \u201eDu wolltest die kleine Blonde aus dem Plattenladen ansprechen!\u201c, PENG \u201eDu wolltest doch nicht mehr heimlich Schokolade naschen. Du Hammel bist auf Di\u00e4t!\u201c, B\u00c4NG \u201eVerdammt, sei doch nicht immer so verklemmt, halbes Hirn!\u201c, KAWUMM \u201eWarum hab ich mich zu diesem Tanzkurs verdonnern lassen? Ich will keine Mumien schieben\u201c, KNALL \u201eIch hasse meinen Chef! Ich w\u00fcnschte sein Kopf w\u00e4re der Sandsack!\u201c<\/p>\n<p>Ich mu\u00df sagen, da\u00df diese Therapie mir sehr gut getan hat, gerade nach&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freak! Was nun? \u00a0 Gedanken und Geschehnisse aus dem Leben eines Freaks von Kay Fiedler Unglaublich viel Zeit&#8230; Hat man, f\u00e4hrt man jahrelang mit dem Auto, dann pl\u00f6tzlich und schlie\u00dflich \u00f6fters mit der Bahn. 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