{"id":102,"date":"1999-12-28T10:44:03","date_gmt":"1999-12-28T10:44:03","guid":{"rendered":"https:\/\/yakreldeif.wordpress.com\/?p=102"},"modified":"2015-04-20T16:19:21","modified_gmt":"2015-04-20T14:19:21","slug":"der-blues-des-wolfes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/yakobo.de\/?p=102","title":{"rendered":"Der Blues des Wolfes"},"content":{"rendered":"<p>Der Mond steht hell \u00fcber der weiten Berglandschaft. Dann und wann durchbricht ein K\u00e4uzchen aus dem Wald die dr\u00fcckende Stille. Die Luft ist schw\u00fcl, doch die herannahenden Wolken bringen mehr und mehr st\u00fcrmische B\u00f6en mit sich.<\/p>\n<p>Drunten im kleinen Menschendorf sind fast alle Kerzen erloschen. Nur an einem Fenster steht ein Licht. Ein kleiner Junge schaut in die Nacht hinaus, raus auf den Wald, raus auf die Berge. Er kann nicht schlafen. Die W\u00e4rme lie\u00df ihn sich hin und her w\u00e4lzen. Der Ruf des K\u00e4uzchens macht ihm Angst. Der Mond scheint diese Szenerie nur kalt leuchtend zu beobachten, wie ein Geier in der W\u00fcste, der darauf wartet, da\u00df endlich einer der Wanderer umf\u00e4llt. Der Mond wartet, als h\u00e4tte er alle Zeit der Welt; als g\u00e4be es kein morgen. Noch mehr Angst hat der Junge vor dem herannahenden Gewitter, doch am meisten f\u00fcrchtet er das Heulen des &#8230;<\/p>\n<p>Der Aufstieg scheint heute schwerer als an anderen Tagen. Immer wieder mu\u00df ich nach Luft schnappen. Doch ich darf keine Schw\u00e4che zeigen; mu\u00df stark sein. Doch irgend etwas stimmt nicht mit dieser Nacht. Die vielen Narben um meinen Leib signalisieren es klar. Die Nacht ist noch lange nicht vorbei. An N\u00e4chten wie diesen scheucht man ein Reh aus dem Unterholz auf und mitten in der Hatz bleibt es pl\u00f6tzlich stehen, als wollte es den Kampf des \u00dcberlebens aus Sinnlosigkeit einfach aufgeben. Ja, so eine Nacht ist es. Ich mu\u00df mich beeilen. Als Anf\u00fchrer mu\u00df ich die Nacht zur Jagdnacht er\u00f6ffnen. Ja, ich bin der Leitwolf. Der Weg dorthin war nicht einfach. Als der alte Wolf starb, gab es eine Menge K\u00e4mpfe zu bestehen. Und auch heute gibt es immer wieder aufm\u00fcpfige Welpen, die mir meinen Stand abringen wollen. Aber meine Narben sind Zeichen meines Sieges; Zeichen meiner W\u00fcrde und meiner St\u00e4rke. Kein Wolf wird es je schaffen, mir eine gr\u00f6\u00dfere Narbe zu rei\u00dfen als die, die ich schon besitze. Kein Wolf im Rudel kann mir mehr gef\u00e4hrlich werden, und wenn doch &#8211; so werde ich meinen Rivalen vertreiben und aus dem Rudel versto\u00dfen, wenn es n\u00f6tig wird sogar t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Der Junge schaut auf den Berghang. Er ist sich sicher eine Bewegung gesehen zu haben. Doch jetzt sieht er ganz deutlich einen wolfsgro\u00dfen Schatten \u00fcber die Felsen springen. Der Junge schlie\u00dft f\u00fcr einen Moment lang die Augen. Hatte er also doch recht mit seinen Bef\u00fcrchtungen; es ist sie. Die Nacht der &#8230;<\/p>\n<p>Endlich bin ich auf der Spitze. Der Mond ist immer schlechter zu sehen. Die Wolken verdecken immer wieder die Sicht. Da ist es wieder, dieses magische Gef\u00fchl das der Mond auf unsereins aus\u00fcbt. Es ist ein Gef\u00fchl von Macht. Macht \u00fcber den Wald, Macht \u00fcber den Rudel, Macht \u00fcber einen hungrigen Rudel, zwanzig Paare spitzer Zahnreihen die auf das Signal zur Jagd warten; Macht \u00fcber die Nacht. Ich Stelle meine Vorderpfoten auf einen kleinen vor mir liegenden Felsen. Ich hebe meinen Kopf in den Nacken, meine Brust scheint vor aufgepumpter Luft fast zu bersten, als ich endlich das Signal zur Jagd gebe.<\/p>\n<p>&#8230; Blues des Wolfes (Fortsetzung 2003)<\/p>\n<p>Der Junge h\u00f6rt das Heulen aus der gar nicht so weiten Ferne. Er versteckt sich unter seiner Decke, um den Augen der Gefahr zu entgehen. Als aus dem einen Geheul pl\u00f6tzlich ein mehrstimmiger Gesang wird, zieht er sich das Kissen \u00fcber den Kopf!<\/p>\n<p>Kaum, dass ich das Signal gab kommt der Rudel zusammen. Dem Geruch nach sind da junge Rehe im westlichen Wald. Routiniert trabe ich los, wohl wissend, dass ich den Pulk im R\u00fccken habe. Im Westen angekommen, wird der Geruch tats\u00e4chlich immer st\u00e4rker. Es dauert nur wenige Meilen und wir finden wonach wir suchen. Die Rehe rasten ahnungslos auf einer kleinen Wiese, nicht weit vom Fluss. Schleichend verteilt sich der Rudel rund um die Wiese, als ich stillschweigend das Kommando erteile.<\/p>\n<p>Als es endlich wieder ruhiger wird, wartet der Junge noch lange ab, ehe er sich vorsichtig umschauend aus seiner Schutzburg befreit. Laufend erwartet er von der Seite angesprungen zu werden \u2013 Augen, die ihn kalt durch das kleine Butzenfenster beobachteten. Das flackernde Licht der Kerze wirft gespenstische Schatten. Besonders grausam wirkt der Schatten des Kleiderst\u00e4nders, der die Wand rauf und runter tanzt. Der Junge nimmt seinen ganzen Mut zusammen und setzt alles auf eine Karte, als er vom Bett aus kopf\u00fcber unter eben dies schaut. Die Haare des Kleinen schwingen frei \u00fcber den Boden und das Blut l\u00e4uft ihm in den Kopf. Doch er kann unter dem Bett nichts finden, dass dort nicht schon vorher lag. Erleichtert dreht er sich wieder aufs Bett und starrt an die Decke.<\/p>\n<p>Ich konnte das Signal deutlich sehen, alle standen bereit! Nun war es an mir! Von dem Erfolg dieser Jagd h\u00e4ngt das Schicksal des Rudels ab. Wenn alle Rehe versprengt werden, ohne dass wir eines rei\u00dfen k\u00f6nnen. Das w\u00e4re kaum auszudenken! Der Winter wird immer h\u00e4rter und es sind nur wenig jagdbare Tiere in unserem Wald verblieben.<\/p>\n<p>Das Gewitter kommt immer n\u00e4her und erste Tropfen fallen herab. Langsam pirsche ich auf die Lichtung. Ein glei\u00dfender Blitz vom Himmel erleuchtet den Platz f\u00fcr Bruchteile eines Moments, als der Leithirsch mich wahrnimmt! Ab jetzt gibt es kein halten mehr! Schnell habe ich mich f\u00fcr eines der Jungtiere entschieden und steuere darauf zu, ohne auf den Alarm des Hirsches zu achten. Vermutlich will er sowieso nur das Gro seiner K\u00fche und K\u00e4lber in Sicherheit f\u00fchren, schlie\u00dflich greift ein Teil meiner W\u00f6lfe den Rudel an, um sie in den Osten zu treiben. Nur zwei W\u00f6lfe sollen darauf achten, welches Tier ich als Futter ausgesucht habe.<\/p>\n<p>Wie erwartet kann der Hirsch unser Man\u00f6ver kaum durchschauen, oder aber er ist sich \u00fcber den Verlust den er eingeht im Klaren. Auch er muss seine Herde besch\u00fctzen, aber gegen unseren ganzen Jagdrudel hat er keine Chance und er wei\u00df das! Im Alleingang w\u00e4re er sicher ein ebenb\u00fcrtiger Gegner, aber so ist er lediglich eines! Futter!<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich fr\u00f6stelt es dem Kleinen, als er so auf dem Bett liegt. Der Wind dr\u00fcckt mal um mal st\u00e4rker gegen das Fenster und die kleine Flamme scheint schon mehrere Male beinahe ausgepustet, trotz des geschlossenen Fensters. Der Junge bemerkt erschreckt, das die Kerze schon fast heruntergebrannt ist. Mit einem Satz springt er aus dem Bett, nimmt die Kerzenhalter in die Hand und verl\u00e4sst das Kinderzimmer. Minutenlang bleibt es dunkel im Raum, nur kurze Male erhellt durch bedrohlich n\u00e4her kommende Blitze.<\/p>\n<p>Mit wenigen S\u00e4tzen bin ich an die junge Kuh heran. Sie scheint bereits eine Verletzung an den L\u00e4ufen zu haben, da sie leicht humpelt. Sie stellt somit trotz ihres jungen Alters eine ideale Beute da. Der Rest der Rehherde st\u00fcrmt \u00fcber Stock und Stein, umgest\u00fcrzte B\u00e4ume und dichtes Geb\u00fcsch. Der Tross der W\u00f6lfe wird sie noch einige Meilen in die richtige Richtung scheuchen und dann hierher zur\u00fcckkehren. Gierig graune ich das Reh an. Ich kann aus ihren Augenwinkeln die Furcht geradezu sp\u00fcren. Ich will ihren Todeskampf nicht unn\u00f6tig hinausz\u00f6gern und schlage meine Z\u00e4hne in ihre weiche Flanke. Noch kurz zuvor bemerke ich die anderen beiden W\u00f6lfe, die ihr den Weg abschneiden sollen. Unser Plan scheint mal wieder aufzugehen!<\/p>\n<p>Der Regen wird immer st\u00e4rker. Ich schmecke das Blut des immer noch fl\u00fcchtenden Rehes, erneut bei\u00dfe ich zu, sp\u00fcre meine Macht \u00fcber die Beute. Hinter mir kommt schon einer meiner J\u00e4ger heran, um dem Reh in die Hinterl\u00e4ufe zu bei\u00dfen. Ja, gleich ist es vollbracht. Wir stillen unseren Hunger und&#8230;<\/p>\n<p>Als der Junge in sein Zimmer zur\u00fcckkehrt h\u00e4lt er eine neue Kerze in der Hand. Er stellt sie wieder auf seinen Platz auf dem Tisch vor seinem Fenster ab. Inzwischen trommelt der Regen auch hier einen kleinen monotonen Dauerton auf das Dach. Donner schl\u00e4gt die Pauke und der Wind pfeift seine schaurige Melodie. Bei einem fl\u00fcchtigen Blick aus dem Fenster sieht der Junge einige vorbeilaufende Rehe. Eines kommt direkt vor das Haus gelaufen. Es scheint in Panik nach einem Weg zu suchen, aber der einzige Weg w\u00fcrde zwischen den H\u00e4usern hindurch f\u00fchren. Menschen sind kaum gefahrloser, als die Wolfsmeute im Hintergrund. Nur eine Sekunde vergeht, bis das unschl\u00fcssige Reh sich zur R\u00fcckkehr in den Wald entschieden hat. Der Junge schaut dem Geweih hinterher, kann es aber wegen des Regens nicht mehr ausmachen. Ein gewaltiger Donner l\u00e4sst die Erde erbeben und der Junge schnellt unter seine Bettdecke zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich hab es! Ich hab es! Es schmeckt so unglaublich gut. Es sind zwar immer nur kleine Bisse, um es allm\u00e4hlich zu schw\u00e4chen, aber es schmeckt einfach nur gut! Mein J\u00e4ger setzt zum Sprung an und beisst mich! Was soll das werden? Das ist doch nicht der richtige Zeitpunkt f\u00fcr eine Herausforderung, nicht jetzt! Wie soll der Rudel ohne Nahrung \u00fcberleben? Aber ich habe keine Wahl. Ich \u00fcberlasse den Todeskampf mit dem Reh den anderen J\u00e4gern und stelle mich dem Angriff!<\/p>\n<p>Ich wirbele herum, lande auf meinen Pfoten und lege meinen Kopf in den Nacken, dass sich meine Haare str\u00e4uben. Ich fletsche die Z\u00e4hne und fahre meinen \u00fcberm\u00fctigen Z\u00f6gling an! Er hat wohl lange auf so eine Chance gewartet. Er springt auf mich zu und wenig sp\u00e4ter bilden wir ein Kn\u00e4uel ineinander verbissener Leiber. Eines muss ich ihm lassen, seine Z\u00e4hne sind kr\u00e4ftig geworden, aber f\u00fcr einen wie mich wird das allein nicht reichen. Auch an Kraft hat er zugelegt, aber eines fehlt ihm noch, um mit mir fertig zu werden. Ich rei\u00dfe mich von ihm los und nehme erneut Stellung vor ihm. Ich ducke mich in Stellung und mustere ihn noch einmal eingehend. Er h\u00e4tte wirklich das Zeug zu einem Anf\u00fchrer, aber er hatte es etwas zu eilig. H\u00e4tte er noch ein paar Jahre abgewartet, wer wei\u00df? Dann h\u00e4tte ich ihn vielleicht gewinnen lassen und meine Stellung unter ihm bezogen. Kalt blicke ich ihn an, ohne Anstalten zu machen ihn nochmals anzuspringen. Auch er rappelt sich wieder auf, er schaut mich kurz an und blickt mir mit einem Male tief in die Augen. Langsam senkt er den Kopf, dass ich das wei\u00dfe in seinen Augen sehen kann. Vorsichtig, leicht\u00a0 humpelnd legt er sich auf die Seite, den Blick nicht von meinem l\u00f6send. Abwartend gibt er seinen Bauch frei, ich habe gesiegt!<\/p>\n<p>Er ist wirklich verdammt gef\u00e4hrlich geworden! Soll ich ihn im Rudel behalten? Vielleicht sollte ich ihn besser fortjagen! Allerdings h\u00e4tte ich einen w\u00fcrdigen Nachfolger, wenn ich eines Tages wirklich zu alt f\u00fcr die Jagd werde. Mir f\u00e4llt die Entscheidung wirklich nicht leicht, aber die Jagd und der Rudel gehen vor. Er soll also bleiben. Mit einem tiefen Knurren beende ich die Auseinandersetzung und bedeute ihm sich weiter an der Jagd zu beteiligen. Mein Kontrahent ist mit wenigen S\u00e4tzen wieder auf den L\u00e4ufen. Schwerm\u00fctig kommt er n\u00e4her und leckt mir die Schnauze. Er hat seine Niederlage also akzeptiert. So k\u00f6nnen wir uns wieder wichtigeren Aufgaben widmen.<\/p>\n<p>Aus der Ferne h\u00f6ren wir den nahenden Sieg. Das aufbl\u00f6ken des Rehs ist trotz des Regens gut zu h\u00f6ren. In Windeseile n\u00e4hern wir uns wieder dem eigentlichen Kampfgeschehen. Das Reh scheint mit letzter Kraft in Richtung des Menschendorfes zu fl\u00fcchten. Da s\u00e4\u00dfe es in der Falle, bei dem Regen wird keiner der Menschlinge sein Gewehr auf uns richten. Einer der anderen J\u00e4ger wurde durch die L\u00e4ufe des Rehs derart verletzt, dass er die Jagd abbrechen musste, aber ein J\u00e4ger war dem Springer weiterhin dichtauf.<\/p>\n<p><i>Das Gewitter l\u00e4sst an St\u00e4rke kaum nach. Mit der Zeit gew\u00f6hnt der Junge sich an die Melodie des Sturmes. Er kommt aus seinem Bett hervorgekrochen und n\u00e4hert sich vorsichtig dem Fenster. Jeder entfernte Blitz, jeder Donner, l\u00e4sst ihn erneut zusammenzucken. Dennoch lockt ihn die Neugier weiter zum Fenster. Aus dem Dunkel preschen mehrere Schatten hervor. Der gr\u00f6\u00dfere Schatten ist eindeutig ein Reh, aber die kleineren um es rum, dass waren doch&#8230;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;W\u00f6lfe!! Ein im verweinten Himmel untergehender Aufschrei aus dem Haus wird ebenso verschluckt, wie das Knurren und Bl\u00f6ken der Tiere davor. Das Reh f\u00e4llt unter den harten Attacken der blutr\u00fcnstigen W\u00f6lfe in den Matsch. Gierig machen sich die W\u00f6lfe \u00fcber das Tier her. Der Junge sieht erstarrt zu. Ein glei\u00dfendes Licht ist das Letzte, was der Junge sieht. Der Ansatz eines gewaltigen Knalls ist das Letzte, was er h\u00f6rt. <\/i><\/p>\n<p>Was war da passiert? Ich war doch so nah dran, pl\u00f6tzlich dieser Schmerz! Wo bin ich? Ich nehme den Duft einer nassen Wiese wahr, den Duft von langsam gerinnendem Blut, von verbranntem Fell. Aber ich kann nichts sehen! Alles ist in eine merkw\u00fcrdig bunte Nacht getaucht! St\u00e4ndiger Farbwechsel macht die Suche nach Konturen v\u00f6llig unm\u00f6glich. Der Regen ist fort und ich h\u00f6re nur vereinzelt das Donnern des abziehenden Gewitters. Ich h\u00f6re menschliche Stimmen. Sie klingen wie immer bedrohlich und ich wollte ich k\u00f6nnte sehen ob sie n\u00e4her kommen. Der Witterung nach sind sie noch bei ihrem Haus, aber es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sie bei mir sind. Ich w\u00fcrde gerne fortschleichen, doch mein ganzer K\u00f6rper scheint zu versagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Inzwischen ist Leben in das Haus eingekehrt. Die Mutter des Jungen kommt in das Zimmer und sieht den Jungen am Boden liegen. Kleine Splitter des Fensterglases liegen im Raum verteilt. Auch die Kerze liegt erloschen auf dem Fu\u00dfboden. Als der Junge erwacht liegt er bereits wieder in seinem Bett. Seine Mutter und seine Schwester sitzen bei ihm, aber sehen&#8230;<\/i><\/p>\n<p><i>kann er sie nicht! Von drau\u00dfen schallt der Ruf, dass das Gewitter nachlasse. Wenig sp\u00e4ter werden die Fensterl\u00e4den geschlossen. Als der Vater in das Haus zur\u00fcckkehrt, halt er einen Wolf in den Armen. Die Mutter reagiert entsetzt, als er ihn ablegt. Das ein Wolf nicht ins Haus geh\u00f6rt ist eine Sache, vielmehr ist sie best\u00fcrzt, denn ihr Junge sieht nichts mehr!<\/i><\/p>\n<p>Oh Nein! Das ist mein Ende! Einmal bei den Menschen, wird mich mein Rudel nicht mehr akzeptieren. Vermutlich w\u00fcrde ich eh nicht mehr lange leben. Gleich schmecke ich den feinen Geruch des Schwarzpulvers, ehe ein weiterer Knall mich aus dem Leben l\u00f6scht. Warum trug mich der Mensch? Egal, wo ich jetzt war, hier ist es warm, sehen kann ich allerdings immer noch nichts. Ich sp\u00fcre die N\u00e4he \u00e4ngstlicher Menschen. Nur der, der mich hierher brachte riecht nicht danach. Anscheinend m\u00f6chte mir niemand etwas tun. Was soll jetzt aus dem Rudel werden? Wie geht es den anderen J\u00e4gern? Wie geht es meinem jungen Draufgeher? Ich kann in dieser Situation nichts ausrichten, denn noch immer versagen s\u00e4mtliche Muskeln ihren Dienst. Vielleicht sollte ich erst einmal versuchen mich auszuruhen.<\/p>\n<p>Der Mann deckt das v\u00f6llig ersch\u00f6pfte Tier mit einer Decke zu. Er erkl\u00e4rt seiner Familie, dass er schon aufpassen werde, dass der Wolf niemanden etwas tut. Die Mutter ist nicht wirklich beruhigt und sagt, dass ein wildes Tier nicht ins Haus geh\u00f6rt. Doch der Familienvater l\u00e4sst sich nicht umstimmen. Sicher sei der Wolf ein wildes Tier. Aber es ist verletzt und ebenso ein Gesch\u00f6pf Gottes, wie sein Sohn. Gerade fragt der Junge, wie lange er noch blind sein w\u00fcrde. Niemand wei\u00df darauf zu antworten, so folgt dieser Frage lange Stille. Nur die \u00e4ltere Schwester versteht die sorgenvollen Blicke zwischen den Eltern und versucht die Situation zu \u00fcberspielen.<\/p>\n<p>Als am neuen Morgen die Sonne den Wald in ein rotgl\u00fchendes Meer verwandelt, schlafen die Menschen in der H\u00fctte noch tief und fest. Alle sind von der Aufregung der Nacht ersch\u00f6pft. Der Vater des Hauses erwacht als erster. Er zieht sich an, geht in den Wohnraum hinunter und schaut sich um. Er sieht den Wolf noch immer in der Decke schlafen. Er nimmt keinerlei Notiz von dem Vater, nicht einmal, als dieser zu aller Vorsicht seine B\u00fcchse l\u00e4dt und auf den Wolf anlegt. Vielleicht hat seine Frau ja Recht. Dann l\u00e4sst er ab und stellt die B\u00fcchse nahe der Eingangst\u00fcr ab. Er sieht sich noch einmal nach dem Tier um, ehe er schwer durchatmend das haus verl\u00e4sst, um nach dem Doktor zu schicken.<\/p>\n<p>Der Junge kann sich noch Minuten nach dem Erwachen kaum an die letzte Nacht erinnern. Da war dieses Licht und aus. Dann war da die Mutter und die Schwester. Oder hatte er das nur getr\u00e4umt? Nein, denn er kann noch immer nichts sehen. Vorsichtig tastet er sich aus seinem Bett, die Wand entlang, bis zur Zimmert\u00fcr.<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffne die Augen und sehe&#8230; nichts! Immer noch keine \u00c4nderung! Wie lange ich wohl geschlafen habe? Deutlich sp\u00fcre ich einen Menschen auf mich zukommen. Er hat ziemlich viel Angst, aber anscheinend nicht vor mir, denn diese Art von Angst riecht anders.<\/p>\n<p>(c)2000 &#8211; 2003 Kay Fiedler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mond steht hell \u00fcber der weiten Berglandschaft. Dann und wann durchbricht ein K\u00e4uzchen aus dem Wald die dr\u00fcckende Stille. Die Luft ist schw\u00fcl, doch die herannahenden Wolken bringen mehr und mehr st\u00fcrmische B\u00f6en mit sich. Drunten im kleinen Menschendorf sind fast alle Kerzen erloschen. Nur an einem Fenster steht ein Licht. 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